Sonntag, 8. April 2012

Der Osterwahnsinn


Sonntag. 8. April. Die Hitze nimmt zu. Allmählich beginnt das Wetter unangenehm zu werden. Gut, wirklich angenehm war das indische Wetter bisher eigentlich ohnehin noch nie (außer vielleicht an dem einen oder anderen milden Dezember Tag), aber jetzt wird es langsam richtig unangenehm. Allerdings muss an der Stelle auch hinzugefügt sein, dass ich mich zu der Art Mensch zähle, die Hitze nicht so gut verträgt. Ich weiß, da ist Indien ja wirklich das perfekte Land für mich. Allerdings – in welchem Entwicklungsland ist es nicht heiß? (zumindest ist es das in jedem welches für mich zur Auswahl stand) Achja, offiziell ist Indien ja gar kein Entwicklungsland mehr sondern ein Schwellenland – jedoch: das Indien, das ich in den letzten 7 Monaten kennengelernt habe, würde ich ohne Zweifel als Entwicklungsland bezeichnen. Jedenfalls hatten wir mittlerweile schon Tageshöchstwerte von 40 Grad, und die heißeste Zeit, nämlich der Mai, hat noch nicht einmal angefangen. Schon seit ein paar Wochen habe ich einen Hitzeausschlag im Gesicht; vorletzte Woche hat sich einer auf meinem linken Arm ebenfalls hinzugesellt, welcher zudem fürchterlich zu jucken begonnen hat. Mittlerweile ist der auf dem Arm zum Glück schon ein bisschen zurückgegangen. Das Cricket spielen bzw. die Football Class in der Nachmittagshitze wird allmählich zur Tortur.
Achja, Stichwort Football Class: Letzten Sonntag habe ich ja erzählt, dass ich Hütchen, die man z.B. für einen Slalomlauf aufstellt, gekauft habe um die Football Class damit interessanter zu gestalten. Ich glaube die Vorstellung, in Vimukti fußballinteressierten, aufgeschlossenen und lernwilligen Burschen in einer regelmäßig stattfindenden Football Class die Freuden des Fußball Spielens näher zu bringen, werde ich niemals aufgeben. Bis jetzt existiert diese Vorstellung allerdings leider nach wie vor nur in meinem Kopf; bis heute ist es mir nicht möglich gewesen, diese in die Realität umzusetzen. Trotz der neuen Hütchen, in die ich so viel Hoffnung gesteckt habe, endete die Football Class schlussendlich doch wieder in einem Chaos. Am Montag hat es noch ganz gut geklappt, die Burschen fanden die neuen Hütchen cool und haben auch mitgemacht - nicht zuletzt waren allerdings deshalb alle dabei, weil sich seit neuestem die Burschen immer um 15.30 für Spiele (was im Normalfall eh nur Cricket bedeutet) auf der Wiese versammeln müssen, was von dem Mitarbeiter Kishore überraschender Weise im Normalfall auch wirklich kontrolliert wird. Am nächsten Tag, also Dienstag, wurde dann wieder ganz normal Cricket gespielt - zu viel Fußball auf einmal sollte den Burschen auch nicht zugemutet werden. Am Mittwoch war dann wieder die Football Class am Plan; an jenem Tag hatten wir allerdings das Problem, dass Kishore zur Kontrolle nicht bei der Wiese geblieben ist, und als Folge natürlich Chaos ausbrechen musste. Ist ja nicht so, als ob Konrad und ich nicht ohnehin schon jeden Tag Chaos in der  Class am Vormittag hätten, in der wir auch auf uns allein gestellt sind. Der Grund für das Chaos, welcher gleichzeitig auch Hauptproblem bei eigentlich fast allen Dingen, die man den Burschen neu beibringen will, ist, dass sie das neu zu Erlernende anfänglich natürlich noch nicht können; und etwas zu lernen, bis man es kann, ist schlicht und ergreifend zu anstrengend. Es macht ihnen keinen Spaß und so versuchen sie sich zum Beispiel mit gegenseitigem Schlagen zu unterhalten. Ich habe versucht ihnen klar zu machen, dass aller Anfang schwierig ist, und dass es ihnen mit der Zeit zunehmend Spaß machen würde, sobald sie es halt besser könnten. Aber etwas Lernfauleres wie meine derzeitigen Burschen gibt es glaub ich gar nicht. Der eine oder andere Fußballinteressierte ist zwar schon dabei, aber auch die strengt es an, zum Beispiel passen zu üben. Die Chaos Football Class am Mittwoch war jedenfalls das letzte Mal Fußball spielen für die Woche gewesen. Doch wie schon gesagt, möchte ich die Football Class wirklich nicht aufgeben, darum habe ich dieses Wochenende einen zweiten Fußball gekauft und noch mehr Hütchen - vielleicht kann ich ihr Interesse ja kommende Woche zumindest für zwei Football Class Einheiten wecken. Wäre ja mal eine Steigerung.

Aber auch wenn die Football Class letzte Woche leider doch eher ein Reinfall war, so kann ich zumindest über die eine oder andere halbwegs erfolgreiche Bastelstunde berichten. Das im letzten Blogeintrag angekündigte Freundschaftsbänder flechten war zum Beispiel ein voller Erfolg, wenn auch nicht zuletzt deshalb, weil einige Burschen schon Erfahrung im Freundschaftsbänder flechten hatten und gleichzeitig die, die keine Ahnung davon hatten, unmöglich akzeptieren konnten, dass sie etwas nicht können was die Anderen können. Vielleicht war nun damit Ehrgeiz aus einem falschen Grund heraus geweckt, aber Hauptsache sie zeigten Interesse.



Am Mittwoch wollten wir dann mit ihnen zusammen Osterkörbe basteln. Konrad und ich hatten „einige“ (einige = unzählige) Süßigkeiten besorgt die wir am Freitag in der Früh, als Osterüberraschung, auf dem Gelände verstecken wollten, und welche von den Burschen daraufhin gesucht werden sollten. Mit der Idee wollten wir ihnen näher bringen, wie wir in Europa Ostern feiern. Die eigentliche Osterfeier findet zwar heute, am Sonntag statt, doch da heute Konrad und ich in Vijayawada, in der Projektzentrale Yuva Bhavan, bei der Ostermesse sind, musste die Feier vorverschoben werden. Wir machten den Burschen jedenfalls noch bevor der Bastelwahnsinn ausbrach klar, dass nur die, die einen Osterkorb haben, auf Süßigkeitensuche am Freitag gehen dürfen. Dem zu Folge herrschte daraufhin auch eine Art Arbeitsklima – zumindest für etwa eine halbe Stunde. Nachdem die ersten fertig wurden, und Konrad und ich sie darauf aufmerksam gemacht hatten, dass sie ihre Körbe z.B. noch anmalen oder mit den bunten Wollfäden, die wir für sie bereitgestellt hatten, verzieren könnten, wurde es allmählich unruhig. Mit dem Klebeband wurde herumgeschossen, die Osterkörbe von dem jeweils anderen attackiert und natürlich war auch die eine oder andere Prügelei eine Unvermeidlichkeit. Dennoch, Konrad und ich waren mit den Ergebnissen im Endeffekt halbwegs zufrieden.



Am Donnerstag spitzte sich die Situation dann ein wenig zu. Noch ein Tag bis zur Osterfeier. Für diesen Tag stand Eier anmalen auf dem Programm. Konrad und ich besorgten Eier und Wasserfarbe; zuerst kochten wir die Eier, ließen sie dann abkühlen und malten sie anschließend mit den Burschen gemeinsam an. Natürlich hatte nach der Herummalerei das eine oder andere Ei einen Riss, weil die Burschen einfach sehr unkonzentriert bei der Sache waren; dennoch waren die meisten danach zum Glück noch halbwegs zu gebrauchen, was aber auch damit zusammenhing, dass Konrad und ich ununterbrochen die Burschen ermahnt hatten, vorsichtiger zu sein. Das Konzentrationsvermögen unserer derzeitigen Gruppe ist echt auf einem Rekordtief. Aber wie auch immer, am Freitag sollten die angemalten Eier dann jedenfalls gemeinsam mit den anderen Süßigkeiten versteckt werden. Doch dann, kurz nach der Herummalerei, mussten Konrad und ich feststellen, dass die Burschen 2 Eier geklaut hatten. Aus finanzieller Sicht wäre die ganze Sache jetzt kein weiteres Drama gewesen - die 6 Rupie weniger rissen uns kein Loch ins Portemonnaie; aus prinzipieller Sicht allerdings war die Angelegenheit schon eine ganze Spur weniger zu vertreten. Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass Woche für Woche immer wieder Unterrichtsmaterial, wie zum Beispiel Stifte, auf mysteriöse Art und Weise verschwinden – allerdings dass sogar Eier, welche sie am nächsten Tag ohnehin bekommen würden, geklaut wurden, war diesmal einfach nicht zu akzeptieren. Als Folge drohten wir damit, dass sie am Freitag keine Süßigkeiten bekommen würden, sollten die 2 Eier nicht wieder auftauchen. Und siehe da, eine Stunde später tauchten sie tatsächlich wieder auf. Konrad und ich trafen die Entscheidung, dass wir diesmal strengere Konsequenzen treffen, und die Schuldigen nicht an der Süßigkeitensuche Teil haben lassen sollten. Nach vielen und widersprüchlichen Aussagen in den daraufhin angesetzten Einzel Verhören mit den Burschen, waren schließlich gegen Abend die Schuldigen gefunden. Raman, Prasad und Mahesh.


Am Freitag bei der Suche ernteten Konrad und ich bitterböse Blicke von den Dreien. Sie verstanden die Welt nicht mehr. Schließlich hatten sie sich dann ja entschuldigt und die Eier zurückgebracht. Als wir ihnen erklärten, dass eine Entschuldigung kein Freibrief dafür ist, sich jeden Tag aufs Neue daneben benehmen zu dürfen -was nämlich in der Tat jeden Tag der Fall ist- und dass auch eine Tat hinter eine Entschuldigung gehört, ließ sie das natürlich eiskalt. Kein Wort redeten sie mehr mit uns. Und das hat so auch schon gepasst. Unser Ziel war erreicht. Die Bestrafung hatte sie echt getroffen – dass sie uns danach keines Blickes mehr würdigen würden, war zu erwarten. Unserer guten Stimmung trübte dieses Vorkommnis am Freitag jedenfalls nichts ab, da die Suche ein voller Erfolg war und alle anderen Burschen eine Heidenfreude hatten. Im Endeffekt teilten die anderen Burschen eh mit Raman, Prasad und Mahesh, was wir auch in Ordnung fanden. Dass die Drei nicht an der Suche teilnehmen durften, war schon Strafe genug. 

Doch das Beste aus meiner Woche habe ich euch ja gar noch vorenthalten: Dienstagabend gingen Konrad, Kishore und ich einen neuen Kühlschrank für Vimukti in der Stadt Nuzvid kaufen – Konrad und ich stellten uns bereit, diesen zu finanzieren. Ursprünglich sollte ja der alte repariert werden, doch dieses Vorhaben mussten wir uns nach einem kurzen Blick auf die Rückseite von diesem gleich wieder abschminken (ich werde noch darauf eingehen wieso). Um 18.30 fuhren wir dann los nach Nuzvid. Ich weiß ja mittlerweile schon länger von dem Hang der Inder, kompliziert und langatmig zu sein, in den Dingen die sie tun; doch das, was mich die nächsten 4 Stunden in Nuzvid erwarten sollte, war auch für mich eine neue Erfahrung. Zunächst versuchte Kishore, in der bereits erwähnten Werkstatt  -nachdem eine Reparatur für nicht besonders sinnvoll erklärt wurde-, zumindest noch ein wenig Geld für den alten Kühlschrank raus zu handeln, unter anderem durch Märchen wie dass der Kompressor bestens funktionieren würde usw. (seine „Strategie“ -also wie wir durch das Erzählen von Märchengeschichten noch Geld für den Kühlschrank rausschlagen könnten- hatte er uns kurz zuvor noch mit Begeisterung geschildert). Wir verstanden nicht viel von dem, was er mit den Händlern und Mechanikern in der Werkstatt herumdiskutiert hat - wir wissen nur dass es sich ewig lang hingezogen hat und dass ihm während des Gesprächs meterlang die Nase hätte wachsen sollen. Ungefähres Schema des Gesprächs wie es wahrscheinlich stattgefunden hat:

Kishore: „Keine Sorge, das Kabel da funktioniert noch einwandfrei, die paar Ratten die da daran herumgekaut haben sind doch nicht mal durch die Isolierung gekommen!“

Verkäufer: „Aha, und was ist mit dem Kabel hier? Da fehlt doch die Hälfte!“

Kishore: „Nein nein, das gehört so!“

Verkäufer: „Und was ist mit dem Kompressor? Der hängt ja zur Hälfte aus dem Gehäuse raus!“

Kishore: „Ja aber das macht nichts, den muss man nur wieder reinschieben und festschrauben!“

Verkäufer: „Und was sagst du zu dem Ameisennest da drinnen?“

Kishore: „Die… ehm… nun, das sind dressierte Mechanikerameisen, die leisten Reparaturarbeiten an Stellen, zu denen der Mensch nicht rankommt!“

Nun, wie auch immer das Gespräch verlaufen ist, die Leute in der Werkstatt haben sich jedenfalls nicht über den Tisch ziehen lassen. So fuhren wir zu dem ersten Kühlschrankgeschäft um uns nach einem neuen Kühlschrank umzuschauen. Konrad und ich sahen schon ziemlich bald einen Kühlschrank, bei dem Qualität und Preis zu stimmen schien, und waren uns einig, dass wir den kaufen sollten (man könnte theoretisch davon ausgehen, dass wir das Hauptstimmrecht für den Kauf des Kühlschranks hatten, da wir ihn immerhin finanzierten – jedoch war dem natürlich nicht so). Und ab jetzt begann der so richtig mühsame Teil des Abends -> nämlich: Kishore holte das Handy raus. Die nächsten 3 Stunden lief dieses fast unentwegt heiß; nur für die eine oder andere kurze Minute, wurde es mal nicht benutzt. Kishore telefonierte wahrscheinlich mit mindestens einem Dutzend Leute, und beriet sich so lange und penibel, als wäre er davor gewesen sich ein Haus zu kaufen. Schließlich erklärte er uns, dass es in Andhra Pradesh wichtig sei, in verschiedene Geschäfte zu fahren und zu schauen, mit welchem Verkäufer sich verhandeln ließe und mit welchem nicht. Seiner Meinung nach war der Verkäufer in dem Geschäft, in welchem Konrad und ich auf einen akzeptablen Kühlschrank gestoßen waren, zu wenig handelswillig. So fuhren wir zum nächsten Geschäft. Diesmal sollten Konrad und ich in der Autorikscha sitzen bleiben, da Kishore meinte, dass Verkäufer beim Anblick von Weißen mit dem Preis automatisch in die Höhe schnellen würden - was meiner Meinung nach, auch wenn es wahr sein sollte, Unsinn wäre, da die Kühlschränke ja fixe Preise haben und diese auch auf den Kühlschränken draufstehen. Aber Kishore war schließlich der Inder und der kennt sich in seinem Land ja wohl besser aus. Dachten wir zumindest. Auf einmal fuhren wir zu einem Gemüsemarkt. Zunächst hieß es, dass irgendein Typ auf dem Fahrrad gleich daherkommen würde, und uns bei den nächsten Geschäften beraten würde. Aber es kam keiner, und im Endeffekt kaufte sich der Rikschafahrer nur ein bisschen Gemüse. Wir waren anschließend noch in etwa 5 Läden, und in jedem sahen wir Kishore die meiste Zeit nur herumtelefonieren. Nun, es endete jedenfalls damit, dass wir wieder zurück zum ersten Geschäft fuhren und den Kühlschrank, den Konrad und ich am Anfang als tauglich befunden hatten, kauften. Der neue Kühlschrank wurde im „Kofferraum“ der Rikscha fixiert, der alte wurde aufs Dach montiert. Auf dem Rückweg nahm der Fahrer zudem noch ein paar Leute auf – ich glaube der Fahrt in einer so vollgeräumten Rikscha habe ich bis dato auch noch nicht beigewohnt. Nichtsdestotrotz kamen wir tatsächlich lebend wieder in Vimukti an und haben jetzt einen neuen Kühlschrank. Ich weiß nur, dass ich nie wieder in meinem Leben ein Haushaltsgerät mit einem Inder kaufen werde.
Das ist quasi meine Moral aus der Geschichte.



Abschließend noch ein ärgerliches Vorkommnis von gestern: Bei der Enteisung des Kühlschranks in unserer Volunteers Flat in Vijayawada, habe ich es gestern geschafft, mit einem dumpfen Gegenstand ein kleines Loch in die Tiefkühltruhe zu rammen, was dazu führte, dass die Kühlflüssigkeit ausrann. Das wirklich dumme an der Suche ist, dass das Ganze schon mal vorgekommen ist, und zwar vor ein paar Monaten auf fast dieselbe Art und Weise durch eine anderen Volontär. Man könnte meinen man lernt aus solchen Aktionen, aber nein, nicht ich. Ich dachte, wenn ich mich von der Stelle fern halte, in die das letzte Mal ein Loch geschlagen wurde, und mit einem dumpfen Gegenstand vorsichtig zu Gange gehe, dann würde schon nichts passieren. Aber falsch. Ich schaffe alles. Das letzte Mal haben wir den Kühlschrank noch gratis repariert bekommen, diesmal wird es was kosten. Zwar werde ich natürlich den Schaden bezahlen, aber es ist trotzdem für alle Volontäre eine sehr ärgerliche Angelegenheit, da all die Sachen die eingekühlt gehören, jetzt aufgebraucht werden müssen. Naja, ich stelle jedenfalls fest, dass ich diese Woche in der Tat einiges mit Kühlschränken zu tun hatte. Erwähnenswert aber scheint mir auch, dass ich neben der Demolierung des Kühlschranks dieses Wochenende durchaus auch Konstruktives geleistet habe – mit Martin habe ich neue Vorhänge für die Terrasse und einen Tisch gekauft! Beides zu spottbilligen Preisen. Nach 7 Monaten Vijayawada weiß man halt so allmählich, wo man als Schnäppchenjäger zuschlagen kann.

Übrigens hatten wir gestern Abend auch eine sehr nette Ostermesse, die ich musikalisch am Keyboard begleitet habe. Im Nachhinein muss ich allerdings bei den Gedanken an die Vorbereitung unweigerlich den Kopf schütteln, da Father Arogia einen RIESEN Stress mit der Liederauswahl gemacht hat, u.a. wollte dass ich ein Telugu Messlied spiele – für welches er aber natürlich keine Noten hatte. ALSO hat er es mir einfach vorgesungen, und ich musste die Akkorde am Keyboard finden. Einige Lieder, die sich Father Arogia in einem Liederbuch aussuchte kannte ich überhaupt nicht, musste sie allerdings trotzdem ohne Probleme spielen können, da schließlich die Akkorde dabei standen. Als ich Father Arogia darauf aufmerksam machte, dass er mit mir die unbekannten Lieder zumindest einmal proben sollte, sang er sie mir schnell vor und verschwand dann wieder. Ja, so läuft eine Ostermessvorbereitung in Indien. Zum Schluss sollte ich die Lieder dann noch am Computer eintippen und ausdrucken. Aufgrund der aufwendigen Vorbereitung, ging ich natürlich davon aus, dass da eine Riesen Messe am Dachboden der Projektzentrale Yuva Bhavan stattfinden würde. Doch kamen im Endeffekt neben den Volontären gerade mal eine Handvoll Leute. Dennoch war es eigentlich sehr nett, es herrschte einfach eine sehr familiäre Atmosphäre, und das genoss ich – auch wenn ich bei dem Schlusslied völlig versagt habe.

Nun, ich finde wieder zu einem Ende mit meinem Blog. In ein paar Minuten skype ich mit meiner Familie, welche mir übrigens ein Wahnsinns Osterpaket geschickt haben. Ich hab mich wieder sehr gefreut.
Ich wünsche euch allen noch einen schönen Ostersonntag.

Konstantin

Samstag, 31. März 2012

Die Kinderdorf Hochzeit


Heute ist Sonntag, der 1. April. Wieder liegt eine ereignisreiche Woche hinter mir. Eine Woche voller Eindrücke, voll schöner wie auch verdrießlicher, lustiger wie auch zermürbender, spannender wie auch schockierender, lehrreicher wie auch schwer zu verdauender. War dem seit meiner Ankunft Ende August 2011 überhaupt mal nicht so gewesen? Nun ja, die einen oder anderen Wochen gab es natürlich auch schon, in denen das Erlebte fast nur positiver, bzw. negativer Natur war. Diese Woche erlebte ich jedenfalls wieder den typisch abwechslungsreichen, indischen Wahnsinn. Den ich irgendwie wieder viel bewusster erlebe, seitdem mich meine Familie Anfang März besucht hat. Viele Dinge waren für mich schon zu einem selbstverständlichen, gewohnten Teil meines Lebens geworden, bevor meine Familie kam und mir mit ihren Reaktionen auf Indien wieder die Augen öffnete. Mit viel bewussterem und offenerem Sinn erlebe ich seitdem zum Beispiel auch wieder meine allwöchentliche Fahrt nach Vimukti, bei der ich, Sonntagabend, nachdem die Sonne schon untergegangen ist und ich eine 1 ½ stündige Busfahrt zurückgelegt habe, in der Stadt Nuzvid, einem Rikschafahrer in brüchigem Telugu klar machen muss, dass er mich zwar in Richtung des Dorfes Votti Gudi Padu bringen soll, auf halbem Wege jedoch in der Nähe der Navajeevan Gardens (so bezeichnen die Einheimischen das Vimukti) aussteigen lassen soll. In der Nähe der Navajeevan Gardens angekommen -nachdem ich in einer überfüllten Share Rikscha ca. 20 Minuten lang neben 3 Indern auf dem offenen, ausklappbaren „Kofferraum“ (dieses ausklappbare Teil als Kofferraum zu bezeichnen ist zwar am naheliegendsten, doch wirkt der Begriff so absurd wenn man dabei an unsere europäischen Kofferräume denkt) eingezwängt die Fahrt verbracht habe-, und anschließend den restlichen, unbeleuchteten Weg -ein schwer zu befahrener, von der Monsunzeit zugerichteter Dschungelpfad-, unter einem atemberaubenden Sternenzelt, umgeben von Palmen und Mangobäumen und einer Geräusch Kulisse, die jeder Urwaldgeräusche CD spottet, mit einer Taschenlampe entlang zu spazieren ist ein Erlebnis, dass meine Gefühlswelt mit Eindrücken und Gedanken flutet, und sich nicht einmal ansatzweise in Worte kleiden lässt. Unglaublich woran sich ein Mensch alles gewöhnen kann. Ich hatte mich jedenfalls auch an dieses Erlebnis gewöhnt, es als Teil meines Lebens begonnen selbstverständlich zu nehmen. Mit offenen Augen und reflektierendem Sinn durch solch eine Zeit zu gehen, hilft sehr, die Zeit so wertzuschätzen, wie sie es verdient hat. Und das versuche ich, die restlichen Monate die ich noch hier verbringe, auf jeden Fall mehr als wie in den vorherigen Monaten, zu tun.

Diese Woche war ich nur 2 Tage in Vimukti. Montagabend erfuhren Konrad und ich, dass wir zu einer Hochzeit eingeladen wurden, die am Mittwochvormittag im Kinderdorf Chiguru stattfand. Folglich fuhren wir bereits Dienstagnachmittag nach Vijayawada. Die zwei Tage die ich aber in Vimukti war, hatte ich den Eindruck, dass die Arbeit mit den Burschen allmählich bergauf geht. Nach wie vor müssen wir zwar natürlich noch immer viel herumschimpfen damit uns mal wer zuhört, aber wir machen Fortschritte. Als Fortschritt betrachte ich zum Beispiel auch die Tatsache, dass ich nicht mehr in meinem Zimmer von außen eingesperrt werde (das ist bei indischen Türen leider möglich). Als ich das letzte Mal in meinem Zimmer eingeschlossen wurde, war ich gerade aufgestanden und wollte mich zum Sportplatz begeben, da ich an dem Tag für den Morgensport mit den Burschen eingeteilt war. Ein wiederholtes an-der-Tür-rütteln, ließ mich schlagartig meiner Situation besinnen. Alle Burschen waren bereits auf dem Platz und warteten auf mich (natürlich bis auf den einen Schuldigen, der mich eingeschlossen hatte und sich ins Fäustchen lachte). Nachdem ich nicht kam, übernahm ein leicht verärgerter Raja meine Aufgabe. Nach viertelstündigem Schreien und Türgehämmere hörte man mich schließlich endlich am Platz und kam um mir zu öffnen. Es war 7 Uhr in der Früh, ich war erst vor 20 Minuten aufgestanden und niemand hätte meinem Blick ausgesetzt sein wollen, nachdem mir die Tür geöffnet wurde. Ich schaute den Burschen an, der mir geöffnet hatte und fragte nur kurz und scharf „Evaru?“ (=Wer?) – der Junge starrte mich mit großen Augen an und zeigte auf den Platz, auf welchem die anderen Burschen versammelt waren. Für manch einen mag mein Verhalten, und das was jetzt noch kommt, vielleicht ein wenig überzogen scheinen, doch war es nicht das erste Mal, dass dies vorgekommen war, und freundliches Zureden hatte, so wie fast immer, offensichtlich nicht viel gebracht. Also schritt ich mit dunkler Miene zum Platz wo die Burschen gerade mit Raja und Kishore, welcher sich spontan hinzugesellt hatte, Streckübungen machten. Und nochmal -diesmal jedoch mit erheblich lauterem Ton- fragte ich „EVARU?“. Betretenes Schweigen. Ja, der sonst so friedfertige Brother war sauer. Ich fragte Kishore ob er mich übersetzen kann, und legte los mit einem Vortrag über mangelnden Respekt, Konsequenzen, wann es mit dem Spaß vorbei ist, usw. Nach meinem Vortrag kam jeder Bursche einzeln zu mir hergerannt und entschuldigte sich 10 Mal „Sorry Brother, my sorry Brother!“ - obwohl ich eigentlich nur von dem Schuldigen eine Entschuldigung erwartet hätte. Natürlich war dies nicht das erste Mal gewesen, dass ich mit den Burschen lauter geschimpft hatte; ich bringe dieses Beispiel deswegen, weil das eigentlich mein erster und einziger Vortrag gewesen war, der wirklich Wirkung gezeigt hatte – niemand traut sich mehr seitdem mich von außen einzusperren. So einen Vortrag müssten Konrad und ich eigentlich mindestens einmal die Woche halten, wenn ich es mir recht überlege. Denn das mit dem fehlenden Respekt, und dass die Burschen nie wissen wann genug ist, ist eigentlich das Hauptproblem, dass wir mit den Burschen haben. Sie wissen, dass sie von uns nicht geschlagen werden und respektieren und deshalb nicht so sehr wie die anderen Mitarbeiter. Weiters lieben sie es gegen uns zum Spaß zu kämpfen, was mir persönlich ja auch immer echt Spaß macht, aber das Problem ist, dass sie dann halt nie wissen wann genug ist und immer maßlos übertreiben. Aber wie auch immer, diese Woche in Vimukti, und bestand sie auch nur aus 2 Tagen, war jedenfalls ganz okay finde ich, da auch die Class diesmal nicht nur ein heilloses Chaos war, sondern tatsächlich teilweise getan wurde, was von uns aufgegeben war. Für nächste Woche habe ich Bastelmaterial besorgt, um Osterkörbchen mit den Burschen zu basteln - möchte eine Ostersuche veranstalten. Bin mal sehr gespannt wie das hinhauen wird. Außerdem habe ich ein paar Hütchen gekauft (die man zum Beispiel für einen Slalomlauf aufstellt), in der Hoffnung, damit die Football Class attraktiver gestalten zu können. Ich plane diese Hütchen auch in andere Aktivitäten einzubeziehen, wie zum Beispiel eine Olympiade – eine solche zu organisieren, habe ich mir ja schon vor längerer Zeit überlegt.

Aber nun zur Hochzeit. Am Mittwoch in der Früh brachen wir mit den anderen Volontären auf ins Kinderdorf Chiguru. Also, was ich zunächst mit absoluter Gewissheit sagen kann: einem so farbenfrohen Ereignis habe ich in meinem Leben wahrscheinlich noch nie beigewohnt. Vor der Zeremonie schmierten sich die Frauen gelbes Pulver ins Gesicht, was sie mit ihren farbenfrohen Saris, zu noch bunteren Gestalten machte. Das einzig nicht bunte an ihnen waren wohl die schwarzen Haare, aber auch die waren reichlich mit Blumen geschmückt. Der Saal war mit Blumenketten verhangen und die Bühne in festliches Rot und Gelb getaucht. Was vor der Zeremonie jedoch schon vorprogrammiert war: Chaos. Nicht umsonst befanden wir uns im KINDERdorf Chiguru. Als die Braut, umzingelt von zwei Dutzend Leuten, in den Saal gelangte, tobten auch schon längst die Kinder herum; sie sprangen über Stühle und spielten auf der Bühne. Indischer hätte die Hochzeit wohl kaum werden können. Jedenfalls wurden die Kinder dann von Leitern zurechtgewiesen und nahmen stillschweigend vor der Bühne am Boden Platz. Es wurde viel geredet, gesungen, mit Blumen herumgeworfen, das Ehepaar hängte sich gegenseitig Blumenketten um und unterzeichnete die „Marriage Registration“ – diese zu unterzeichnen ist Teil der Zeremonie. Zum Abschluss schüttelte jeder dem Ehepaar die Hand und wünschte eine „Happy Marriage“. Zu Mittag gab es dann noch gutes Essen. Und das war es dann eigentlich auch schon. Die Hochzeit war übrigens eine arrangierte Hochzeit. So wie es in Indien eben Tradition ist. Doch diese Hochzeit war nicht das einzige Highlight dieses Mittwochs.


Konrad und ich hatten für die Woche nämlich auch geplant, am Donnerstag nach Guntur zu fahren, um unsere Burschen, die vor ein paar Wochen von Vimukti ins Ausbildungszentrum dort weitervermittelt wurden, zu besuchen. Doch Antu, der „Programm Officer“, also quasi der offizielle Projekt-Verantwortliche für Vimukti, hatte die Idee, Konrad und mich mit Sudharka (dem In Charge von Vimukti) und Sanka (ein weiterer Projekt Verantwortlicher) auf den Motorrädern direkt nach der Hochzeit ins Nac (so heißt das Ausbildungszentrum) fahren zu lassen. Am liebsten wären Konrad und ich zwar einfach am Donnerstag in der Früh mit dem Bus hingefahren, aber wenn sich Antu mal was in den Kopf gesetzt hat, dann muss das auch so geschehen. So fuhren wir in der Nachmittagshitze, ich auf dem Motorrad mit Sanka sitzend, Konrad auf dem mit Sudharka sitzend, ins Nac. Insgesamt, also hin und zurück, fuhren wir etwa 3 Stunden mit dem Motorrad durch die Landschaft Indiens herum. Für manch einen mag sich das anstrengend anhören, ich für meinen Teil liebe es aber auf dem Motorrad herum zu fahren – speziell wenn die Straße weite Reisfelder, Bananenplantagen und Palmen- sowie Mangohaine säumen. Im Nac war es sehr nett, wir brachten den Burschen Kekse mit über die sie sich sehr gefreut haben. Ich denke sie kommen gut voran und scheinen auch zufrieden mit ihrer Ausbildung zu sein. Die meisten lassen sich übrigens zu Malern ausbilden. Auch die Profession des Mechanikers oder Elektrikers ist beliebt. Jedenfalls kamen wir dann etwa um 6 Uhr am Abend, todmüde im Yuva Bhavan, also der Projektzentrale, wieder an. Ich war den restlichen Abend zum Wegschmeißen und ging ziemlich früh schlafen. Alles in allem war es ein sehr ereignisreicher, anstrengender, netter und interessanter Tag.

Auf dem Rückweg mit Sudharka auf dem Motorrad... ist übrigens
das erste Mal dass ich ihn mit einem Helm auf gesehen habe... generell sind
Inder mit Motorradhelmen beim Motorrad fahren eine Rarität (für mich gabs
daher natürlich auch keinen)

Donnerstagabend hatten wir dann ein Goodbye Dinner – die 4 Linzer Studenten, die vor 3 Monaten zu uns gestoßen waren, hatten ihr Praktikum abgeschlossen und machten sich wieder auf den Weg zurück nach Österreich. Es war ein sehr netter Abend, auch wenn das Abschied nehmen natürlich keinem leicht gefallen ist. Ich wage es noch nicht daran zu denken, wie das dann bei mir in noch nicht einmal mehr 5 Monaten sein wird.

Alles in allem war das meine Woche. Weiter erwähnenswertes fällt mir zumindest gerade nicht mehr ein. Im Sinne eines harmonischen und friedlichen Palmsonntags, wünsche ich noch einen schönen Tag.

Alles Liebe aus Indien

Konstantin

Samstag, 24. März 2012

Die Kitzelmassage


Es ist wieder einmal Blogzeit, und Zeit um darüber nachzudenken, was für einen Eindruck die vergangene Woche auf mich hinterlassen hat, bzw. inwiefern sie mich beeinflusst hat. Ich muss zugeben, die ersten paar Tage vergangene Woche einfach nur ein bisschen konfus und orientierungslos gewesen zu sein, da auf einen Schlag fast alle bekannten Gesichter vorletzte Woche aus Vimukti Richtung Ausbildungszentrum abgehauen waren. Einzig die Gesichter Jagadeeshs und Prasads ließen mir den Kontakt zur Realität wahren. Doch auch die verließen, mitsamt von Akil und Raju, welche ebenfalls schon ein paar Wochen in Vimukti waren, letzte Woche Vimukti, und wurden zu anderen Teilprojekten weitervermittelt. Immerhin war es letzte Woche aber nur ein einziges neues Gesicht, das sich in Vimukti der Truppe hinzugesellte. Alle anderen Gesichter sind etwa 2 Wochen alt. Im Verlauf der vergangenen Woche begann ich den gedanklichen Prozess, dass ich in Vimukti einer völlig neuen Situation gegenüberstehe, allmählich zu durchlaufen. Und obwohl ich einerseits der neuen Aufgabe durchaus mit Optimismus entgegenblicke, da ich nun schon 7 Monate Erfahrung in dieser Arbeit habe, so durchläuft mich auch ein wenig Wehmut, ob der Burschen, an die ich mich mittlerweile schon so gewöhnt habe und jetzt aber weg sind. Ebenfalls nicht ganz abstellen lässt sich die aufkeimende Ungewissheit, inwiefern ich mit der neuen Herausforderung umgehen werde, denn -und mit so viel Objektivität kann ich die aktuelle Situation erfassen-, die Betreuung und Zusammenarbeit ist mit den neuen Burschen zu einer deutlich schwierigeren, anspruchsvolleren Aufgabe geworden. Das derzeitige Camp besteht eigentlich fast nur aus Sonderfällen, die ganz spezielle Betreuung benötigen würden. In Vimukti wird ihnen beigebracht, wie wichtig es ist zusammenzuhalten und ein soziales Wesen zu entwickeln, was auch sehr gut ist, jedoch ist die Latte für diese Aufgabenstellung meiner Meinung nach noch deutlich zu hoch gelegt. Was so Fälle wie vor allem Pravu Kumar und Mahesh an erster Stelle benötigen würden, wäre eine psychologische, und auf jeden Einzelnen spezialisierte Sonderbetreuung. Aus dem Verhalten von einigen Burschen ist eine sehr verstörende Vorgeschichte und für uns nicht vorstellbare Kindheit zu ziehen. Und obwohl ich doch schon einiges gesehen, erfahren und gelernt habe, so werde auch ich mit den neuen Burschen, in unbekannten Situationen wieder erneut auf die Probe gestellt. Nun, so ist es auch nicht ganz richtig, gänzlich unbekannt war mir die eine oder andere bisherige Situationen mit den neuen Burschen auch nicht, jedoch war es ihr Ausmaß. Ein Beispiel: Wie reagierst du, wenn du einem Burschen nicht erlaubst, dir den Stift, den du gerade zum Schreiben brauchst, aus der Hand zu reißen, und der daraufhin dich zuerst völlig fassungslos 15 Sekunden anstarrt, dann seinen Mundwinkel schräg verzieht, laut los lacht, und dir im selben Moment, in dem er plötzlich wie von der Tarantel gestochen beginnt los zu laufen, noch einen Schlag versetzt?
Die eigentlich häufigste Reaktion der Burschen über gewisse Vorkommnisse, egal ob sie lustig, schön, traurig, ernst oder verstörend sind, ist, über sie zu lachen. So wird zum Beispiel auch gelacht, wenn ich einen Streit schlichte, bei welchem einer von den Burschen völlig aufgelöst zu Heulen angefangen hat, da ihm ein fester Schlag ins Gesicht versetzt wurde. Nun, ich denke jedenfalls, die nächsten 5 Monate noch einiges lernen zu können. Auch in Sachen Geduld. Denn an der hat es in so manch einer Situation durchaus schon gefehlt. Zum Beispiel wenn man einem 15 Jährigen Burschen zum 10ten Mal streng darauf aufmerksam gemacht hat, dass er den 6 Jährigen kleinen Vamsi, nur weil er sich nicht wehren kann und weil es Spaß macht, nicht schlagen soll. In solchen Situationen bin ich schon das eine oder andere Mal ziemlich lautstark geworden und habe denjenigen, oder die denjenigen, dann fast immer am Arm gepackt und zu Sudharka, dem Campleiter, geschleift – sobald das geschieht tut ihnen auf einmal alles furchtbar leid. Leider ist meist das, das Einzige, auf das die Burschen reagieren. Wahrlich, einfach ist meine Aufgabe in Vimukti wirklich nicht immer.

Ereignistechnisch kann ich bei der letzten Woche unter anderem auf Dienstag verweisen, an welchem wir nach laaanger Zeit endlich mal wieder mal Fußball gespielt haben! Denn das ist eines der Lichtblicke im aktuellen Camp -> ein paar Burschen scheinen tatsächlich fußballinteressiert zu sein. Bin mal gespannt, wie lange ich diesmal die Football Class durchziehen kann. Einziges  Negativ Highlight dieses Tages war, dass ich mit meinem linken Fuß beim Laufen in einer Mulde auf dem löchrigen und holprigen Rasen steckengeblieben bin und ihn mir dabei gezerrt habe. Den Rest der Woche war mühsamer Weise dann gleich mal Fußballverbot.
Am Mittwoch machten wir einen Ausflug zu einer Mango Plantage, auf welcher ein kleiner Tempelschrein und ein paar Bänke zu finden waren. Es war sehr schön dort. Wir spielten Carromball, Federball, Cricket (wobei ich Cricket verletzungsbedingt auslassen musste und eigentlich auch Federball hätte sein lassen sollen -es dummer Weise aber nicht tat-) und aßen Biryani Rice mit Onion Curd und Chicken Curry. Das Chicken Curry bestand zwar leider mal wieder überwiegend aus Knochen (worüber sich die umliegenden Hunde und Krähen sehr freuen konnten), doch umso ausgezeichneter schmeckte der Biryani Rice mit dem Onion Curd (Zwiebel Joghurt). Für viele hört sich Zwiebel Joghurt als Beilage sicher merkwürdig und nicht gerade überzeugend an, doch das Onion Curd ist mittlerweile zu meiner absoluten Lieblings Beilage geworden; man kann es einfach zu jeder indischen, würzigen Mahlzeit essen und wertet ausnahmslos jede (indische) Speise auf. Ich bin mir sicher, dass ich auch nach meiner Rückkehr in Österreich Onion Curd, immer wenn es passt, zum Essen als Beilage hinzufügen werde, da es zudem auch sehr leicht und schnell gemacht ist. Der Ausflug war jedenfalls sehr nett. Man konnte unter den Mangobäumen ein angenehmes Mittagsschläfchen halten und nett Spazieren gehen.

Dieses Wochenende ist der Leiter von Navajeevan, Father Koshy nicht in Vijayawada, weil er, so wie ich vor 3 Wochen auch, in Kerala Urlaub macht. Unter anderem würde er sich dort einer Ayurveda Massage unterziehen, hat er mir erzählt. Als er von Ayurveda Massage anfing zu reden, wurden in mir Erinnerungen wach. Meine Familie und ich hatten uns auch einer solchen Massage unterzogen, und, obgleich diese Massage wirklich sehr angenehm war, so muss ich dennoch unweigerlich anfangen zu schmunzeln wenn ich an sie zurückdenke. Der eine oder andere Moment, in welchem sich die Massage eher nicht angenehm angefühlt hat, und bei dem ich einfach nur von dort weg wollte, war nämlich schon auch dabei. Zum Beispiel als der Masseur begonnen hat, Kitzelbewegungen im Bereich meiner Achsel durchzuführen. Ich biss mir auf die Unterlippe doch es half nichts, unweigerlich musste ich anfangen zu lachen. Das hört sich jetzt vielleicht lustig an, für mich war es in dem Moment aber einfach nur schrecklich. Vor allem weil für ihn das ein ernster Vorgang war und trotz meines Lachens nicht damit aufhörte. Immer weiter hat er mich gekitzelt und ich hatte schon fast einen Lachanfall. Er war davon ein bisschen irritiert; aber bitte was in aller Welt hat er erwartet? Wie soll man so seine Muskeln entspannen? Nun, wie auch immer, ich kann jedenfalls trotzdem eigentlich jedem empfehlen mal eine solche Ayurveda Massage auszuprobieren. Auch wenn die Behandlung in den Augen eines Europäers ein wenig unorthodox erscheint, so zeigt sie trotzdem eine sehr entspannende Wirkung. Ich fühlte mich danach wie ausgewechselt. Außerdem gibt es einige verschiedene Massagen zwischen denen man wählen kann, folglich in seiner Auswahl den Oberkörper, und damit den Achselbereich, auch auslassen kann. Ich zumindest werde das, das nächste Mal berücksichtigen.

Heute zeichnet sich mein Blog mal ausnahmsweise nicht durch extravagante Länge aus. Ich habe diesmal aber auch einfach nicht so viel Zeit zum Schreiben gehabt.

Mit lieben Grüßen verabschiede ich mich jetzt mal Richtung Frühstück. Einen schönen Sonntag wünsche ich noch.

Konstantin

Samstag, 17. März 2012

Der Halbzeitpausenbericht! (Vorsicht -> Überlänge)


3 Wochen ist es nun schon her, als ich das letzte Mal über mein neues Leben in Indien geschrieben habe. Natürlich hängt der Grund für diese lange Schreibpause auch damit zusammen, dass mich Ende Februar meine Familie für 2 Wochen lang in meinem Projekt besucht hatte und wir zusammen auf Urlaub gefahren sind - da sich ihr Besuch über die letzten beiden Sonntage gestreckt hatte, kam ich leider nicht dazu, einen neuen Blogeintrag zu schreiben. Wahrscheinlich war das auch das Einzige, das mir während ihres Aufenthaltes ein wenig gefehlt hat; das Reflektieren und schriftliche Festhalten der erlebten Eindrücke. Während ihrem Verweil in Indien kam ich einfach nicht zum Schreiben, dazu fehlte mir die Energie und die Zeit.
Denke ich jetzt noch an die Zeit von vor 6 ½ Monaten, kurz vor meinem Einsatz, so bleibt mir mittlerweile wirklich nichts anderes mehr als zu Schmunzeln. Was ich mir in dieser Zeit für Vorstellungen von meinem Einsatz gemacht habe! Ich bin ein hoffnungsloser Träumer; das war schon immer so. Zu einem Problem wird die Sache mit dem träumen nur, wenn sie in realistische, vernünftige Gedanken miteinfließen, die sich ein Mensch von Zeit zu Zeit nun mal machen muss, oder zumindest machen sollte. Nicht falsch verstehen, ich rede jetzt nicht von Träumen bezogen auf die Berufswahl oder so -in diesem Bereich zu träumen halte ich sogar für ausgesprochen wichtig und vernünftig-, ich rede von der Art Träumen, bei welchen man sich in seinem Kopf in Idealismus verloren gegangene Vorstellungen von einer gewissen Sache macht. Ein gewisser Draht zur Realität sollte bei dieser Art von Träumen nun mal gewahrt bleiben. Und der ging in meinem Kopf, damals, kurz vor Einsatzbeginn, eindeutig verloren. Im Leben hängt oft vieles davon ab, wie man sich bei einer Sache, die man sich vornimmt, den Maßstab setzt. Und was sich in meinem Kopf vor dem Einsatz als Maßstab etablierte, waren die 3 Jahre, die mein Vater in meinem Alter in Papua Neuguinea, ebenfalls auf Einsatz, verbracht hatte. Es ist nicht so, als ob ich mir gedacht hätte, dass ich das Jahr in Indien, nur weil mein Vater 3 Jahre in Neuguinea überstanden hatte, ganz ohne Probleme packen würde; jedoch schwoll in mir deswegen ein gewisser Ehrgeiz heran, der mir einzureden begann, auf keinen Fall Schwäche zeigen zu dürfen. Aufgrund dieses dummen Ehrgeizes war ich anfänglich auch überzeugt davon, dass mich meine Familie gar nicht besuchen bräuchte und sich das Geld lieber aufsparen sollte, da mein Vater ja schließlich auch 3 Jahre ohne Familie überstanden hat. Ja, so dämlich kann das menschliche Gehirn, blind vor Ehrgeiz, funktionieren. In meinem Kopf habe ich aufgrund des eben erwähnten Ehrgeizes den Gedanken, ein Jahr von meiner Familie getrennt zu sein, überhaupt nicht realistisch behandeln können. Worauf ich mit dieser Gedankenreflektion eigentlich nur hinaus will, ist der Versuch, zum Ausdruck zu bringen, wie sehr mir meine Familie gefehlt hat und wie unglaublich erleichtert ich war, als ich meine Eltern und meine Schwester nach einem halben Jahr ohne sie wieder in die Arme schließen durfte. Auch wenn mir mein Bruder und meine Nichte sehr gefehlt haben, da es sich für sie zeitlich leider nicht möglich war, mich zu besuchen. Aber ja, man kann halt auch nicht alles haben. Hand in Hand geht mit dieser Gedankenreflektion ebenfalls die persönliche Erkenntnis, dass es im Leben darum geht, seinen eigenen Weg zu gehen, seine eigene Geschichte zu schreiben - ganz im eigenen Stil. Es ist ein Fehler, den eigenen Weg, mit einem anderen, beeindruckender wirkenden Weg zu vergleichen, da ich überzeugt davon bin, dass der Weg, den man gerade beschreitet, auch wirklich der für einen bestimmte Weg ist, und so wie dieser gerade verläuft, so verläuft er eben. Es ist dann halt immer eine Frage, mit welcher Einstellung und Perspektive man seinen Weg beschreitet – je nach Einstellung und Perspektive geht man im Leben größere oder kleinere Umwege. Aber ich möchte jetzt nicht zu weit ausholen; was mir am Herzen lag ist gesagt. Danke an meine Eltern und meine Schwester jedenfalls nochmal dass ihr mich besucht habt, ich denke bereits jetzt schon voller Nostalgie an euren Aufenthalt zurück.

Nun möchte ich ein wenig informationsreicher auf den Aufenthalt meiner Familie eingehen: Ende Februar landeten sie in Hyderabad, mit 8 Millionen Einwohnern die Hauptstadt des Bundesstaates Andhra Pradesh. Für 3 Tage wurde von meinem Vater in dem Stadtteil Secunderabad ein Hotel gebucht; ich stieß erst am 2. Tag ihres Aufenthaltes hinzu -nach 8 stündiger Zugfahrt kam ich ca. um 21 Uhr am Bahnhof Secunderabad an und fuhr mit einer Autorikscha zum Hotel-. Hyderabad ist, ob des Wahnsinns Verkehrs, der erdrückenden Bevölkerungsdichte, des unaushaltbaren Lärms und des stetig überlaufenden Mülls, wahrscheinlich für jeden, der das erste Mal Indien besucht, erst einmal ein ziemlich heftiger Kulturschock. So erging es meiner Familie auch nicht anders. Vijayawada hat den eben genannten Stadtwahnsinn zwar ebenfalls zu bieten, jedoch in erträglicherem, nämlich 10 Mal kleinerem Ausmaß (ca. 800.000 Einwohner). Jedenfalls besichtigten wir in Hyderabad ein paar Sehenswürdigkeiten – so viele halt der zeitliche eingeschränkte Aufenthalt zuließ. Eine Nacht übernachtete ich mit meiner Familie im Yatri Nivas Hotel – ein schönes, großes Hotel, mit ausgezeichnetem Essen (3 Restaurants waren auf der Hotelanlage zu finden!). Schließlich fuhren wir am letzten Tag unseres Hyderabad Aufenthalts, am Nachmittag, mit dem Zug los nach Vijayawada. Dort, nach einer etwa 7 stündigen Zugfahrt angekommen, zeigte ich ihnen die darauffolgenden Tage mein Projekt Vimukti, das Kinderdorf Chiguru, die Volontärsunterkunft, machten einen Ausflug in die nahegelegene Stadt Guntur, gingen ein paar Mal in Restaurants, die ich persönlich schon ein paar Mal ausprobiert und als sehr gut erachtet hatte, zeigte ihnen die Stadt und ein paar schöne Geschäfte, und natürlich lernten sie die Projektzentrale Yuva Bhavan kennen, in der sie in den Gästeräumlichkeiten übernachteten bzw. Father Arogia wie auch den Leiter von Navajeevan, Father Koshy, kennenlernten. Ich denke in Vijayawada hat es ihnen doch um eine ganze Spur besser gefallen als in Hyderabad. Interessant ist, wie oft ich während ihres Aufenthalts auf extravagante Erlebnisse aufmerksam gemacht wurde, die für mich mittlerweile zu einem selbstverständlichen Teil meines Lebens geworden sind. Hervorgehoben sei hierbei in erster Linie der Verkehr, der für jeden Europäer zu Beginn mit Sicherheit mal ein ziemlicher Schock ist. Und so begann ich mich zurück an meine Anfangszeit zu besinnen, und konnte allmählich die Verblüffung über den Verkehrswahnsinn nachvollziehen. Mit welch Gelassenheit und Coolness sich die Inder auf einer Kreuzung, in dutzenden Fortbewegungsmitteln jedvorstellbarer Art und Form, in einem einzigen Wirrwarr, an Kühen und Straßenverkäufern -die sich mitten auf der Kreuzung herumtummeln-, bzw. an all den anderen Fahrzeugen -dabei meist nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt- vorbeischlängeln. Das war nur ein Punkt von einigen, die mich besinnen und auch mal wieder ein wenig aufwachen ließen, in was für einem irren Land ich da doch eigentlich für ein Jahr gelandet bin. Ja, ihre Reaktionen waren völlig angebracht, und das begann ich zunehmend zu realisieren.

Aber der eigentliche Höhepunkt ihres Aufenthalts sollte noch folgen (zumindest für mich). Wie ein Schneekönig hatte ich mich bereits Wochen vor ihrem Besuch auf unsere 4 Tage Urlaub in Kerala gefreut. Ich war zugegeben ein wenig nervös, bevor die Reise, in einer schwülen Montagnacht, mit einer 6 stündigen Zugfahrt nach Chennai (ehemals Madras) -in dem Bundesstaat Tamil Nadu gelegen-, losging. Ich hatte noch nie zuvor eine Reise, über ein Reisebüro, geplant, und das erst recht nicht in Indien. Aber ich versuchte zuversichtlich und selbstsicher auf meine Familie zu wirken, und ich denke dass sie mir das auch abgekauft haben. Dienstagmorgen in Chennai ankommend, warteten wir auf dem Bahnsteig auf den Fahrer unseres am Vortag in Vijayawada bestellten Pre-Paid Taxis, der uns, wie abgemacht, am Bahnsteig abholen und zum Flughafen bringen sollte. Nun kam der aber natürlich nicht, und wir machten uns auf die Suche nach anderen Pre-Paid Taxis. Zwar wurden wir fündig, mussten allerdings auch ein wenig mehr, als es der aktuelle Tarif verlangt, bezahlen. Typisch Indien, aber wir waren müde und die 200 Rupien mehr rissen uns jetzt auch kein Bein aus. Ein paar Stunden später folgte der Flug nach Kerala, in die Stadt Kochi. Beim Flug gab es keine weiteren Schwierigkeiten (außer dass ich natürlich bei der Kontrolle vergaß meine Schere und mein Taschenmesser aus dem Rucksack zu geben und die Sachen folglich am Flughafen lassen musste). Vielleicht wundern sich jetzt manche, warum wir nicht einfach mit dem Zug nach Kerala gefahren sind, und ja, zuallererst kam auch mir diese Idee in den Sinn (da sie zudem auch deutlich günstiger ausgefallen wäre), jedoch wäre Kerala, obwohl es genauso wie Andhra Pradesh im südlichen Indien liegt, nochmal weitere 18 Stunden mit dem Zug entfernt gewesen, und das wollte ich meiner Familie einfach nicht zumuten. Im tropisch heißen Kochi jedenfalls angekommen, sollten wir von unserem, vom Reisebüro organisierten, Fahrer im Ankunftsbereich mit einem Schild empfangen werden. Nun blieb unglücklicher Weise zunächst auch das aus. Ein paar Minuten später erschien er allerdings zum Glück, und in einem angenehm klimatisierten Auto, fuhren wir daraufhin zu unserem ersten Halt, dem Hotel Monte Christo auf 1600 Meter Höhe in der naturparadiesischen Hügelregion Munnar.

Die Temperatur in dieser Region war angenehm mild und damit eine echte Wohltat für mich nach den letzten unaushaltbar heißen Wochen in Vijayawada und Vimukti. All die Hügel waren fast vollständig umsäumt mit wohlgepflegten Teepflanzen, die den Anblick der Hügel mit einem übernatürlich schimmernden, saftigen Grün ausstattete. Natürlich waren auch einige Bäume, speziell im Umkreis um unser Hotel, zu finden. Unser Hotel wirkte ein wenig urig und eher traditioneller Natur. Die Innenausstattung war zu einem großen Teil Holzverkleidet und wirkte freundlich und einladend. Im ersten Stock war ein öffentlich zugänglicher Raum mit einer großen Glasveranda, und mit gemütlichen Möbeln ausgestattet, damit man von dort aus die einen umgebende, in sich stimmende, stille und durch einen angenehm vorbeiziehenden Wind raschelnde und flüsternde Natur bestaunen konnte. Übrigens waren wir die einzigen Gäste in diesem Hotel. Das Personal war die ganze Zeit über sehr höflich und zuvorkommend. Die Atmosphäre dieses Ortes vermittelte Zufriedenheit, Gelassenheit, Harmonie und Frieden. Perfekt um sich von einem stressigen Alltag bzw. Leben zu erholen. Auch das Essen war, die ganze Zeit über die wir dort verweilten, ein einziges Gedicht, unmöglich zu vergleichen mit dem Essen in Vimukti. Zudem lud die Umgebung sehr zu Spaziergängen und Wanderungen ein. Am Mittwoch machten wir ein paar Einkäufe in einem nahegelegenen, kleinen, netten Dorf und wurden in einem Ayurveda Massage Center am Nachmittag massiert. Am letzten Abend unseres Aufenthalts -leider war dieser Abend ebenfalls dem Mittwoch angehörig, da wir nur 2 Tage dort waren- machten wir ein Lagerfeuer auf einer der Lagerfeuerplätze des Hotels. Unser Fahrer, der uns übrigens nicht nur von Kochi nach Munnar, sondern während unseres gesamten Kerala Urlaubs überall hin brachte, machte uns an jenem Abend auch aufmerksam, dass wir am nächsten Morgen um halb 9 in der Früh abfahrbereit sein müssten. Am Donnerstag in der Früh hieß es dann also sich wehmütig von diesem Ort zu verabschieden. Ich für meinen Teil war jedoch bestimmt nicht das letzte Mal in Munnar.

Äffchen im Tigerreservat in Thekkady, am Überlegen ob er an
mir hochklettern und mir den Keks klauen soll
Am Donnerstag ging es dann in die Stadt der Gewürze, nach Thekkady. Donnerstag war mit Sicherheit der ereignisreichste und anstrengendste Tag unseres Urlaubs. Auf dem Weg nach Thekkady machten wir plötzlich halt, um eine Gewürzplantage zu besichtigen. Während unserer Besichtigung wurde uns von einer Führerin der Name und Zweck jeder angebauten Pflanze erklärt, was teilweise sogar ziemlich interessant war. Nach der Besichtigung hatte man noch die Möglichkeit, in einem Shop die besichtigten Gewürze, in allen möglichen verarbeitenden und zubereitenden Formen, zu kaufen. Ein paar Gewürze und Kräuter kauften wir uns. Dann ging die Fahrt weiter. Nachdem wir nach einer ca. 4 stündigen Fahrt in der Region um Thekkady ankamen, fuhren wir, noch bevor wir ins Hotel fuhren, in einen nahe gelegenen Wald zum Elefantenreiten. Eine interessante Erfahrung; so ein Elefant kann ja doch ziemlich groß werden, folglich ist es ein sehr eigentümliches aber faszinierendes Gefühl, auf so einem riesigen Tier zu reiten. Im Anschluss fuhren wir in ein Tigerreservat. Am spannendsten fand ich persönlich jedoch die unzähligen Affen, die sich am Eingang des Reservats miteinander stritten und meiner Mutter sogar das Essen aus der Hand klauten -einer wollte zudem an mir hochklettern da ich gerade einen Keks in der Hand hatte, mit dem ich den Affen eigentlich füttern wollte, jedoch wurde mir von dieser Unternehmung im letzten Moment abgeraten. Durch das Tigerreservat zog sich ein langer, künstlich angelegter See, den wir mit einem Boot befuhren um Ausschau nach Tieren, speziell Tigern und Leoparden, zu halten. Außer ein paar Elefanten (die ich persönlich jetzt nicht so spannend fand da ich ein paar Stunden zuvor schließlich auf einem geritten war), Antilopen, Wasserbüffeln, Warzenschweinen und Schildkröten bekam man bei jener Safari jedoch leider nicht allzu viel vor die Kameralinse. Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich, mittlerweile doch etwas geschafft, unser Hotel, welches am Rande der Stadt Thekkady lag. Das Hotel lag in einer sehr ruhigen und eher traditionellen Umgebung, war jedoch selbst eher modern und sehr komfortabel eingerichtet - von den Fluren, bis hin zu den Zimmern und dem Restaurant. Speziell die Zimmer waren sehr geschmackvoll eingerichtet, hatten einen Balkon und auch einen Fernseher, auf welchem ich nach einem halben Jahr endlich mal wieder Fußball schauen konnte. Das Essen in diesem Hotel war ebenfalls ganz ausgezeichnet. Nach dem Abendessen gingen wir noch ein wenig die, direkt neben dem Hotel beginnende, Altstadt zu besichtigen, in der eine Menge traditionelle Stoff- und Gewürzläden zu finden waren. Neben dem indisch-traditionellen Obergewand für Männer, der Kurtha, bei welcher ich und mein Vater fündig wurden, kaufte ich ein paar scharfe Gewürze ein. Meine Mutter und meine Schwester waren nur sehr schwer von den Stoff- und Schmuckläden zu trennen, doch da sie in Vijayawada schon einiges in Stoff- und Schmuckläden besorgt hatten, war mittlerweile nicht mehr ausreichend Platz im Gepäck, um jetzt wieder zuzuschlagen. Soviel zu Thekkady, wo wir nur eine Nacht verbrachten, was ich eigentlich auch sehr schade fand, da mir die Umgebung um das Hotel ebenfalls sehr gut gefiel. Am Freitag in der Früh brachen wir dann jedenfalls wieder auf, zu unserer letzten Station, Allepey.

Unser Hausboot, kurz nachdem wir am Ufer für die Nacht

angelegt hatten
In der Stadt Allepey wurden wir diesmal jedoch nicht zu einem Hotel gebracht, sondern zu einer Ablegestation für Hausboote. Von Freitagmittag bis Samstagmorgen sollten wir auf einem solchen Hausboot verbringen. Von allen Zwischenstationen, von denen der  Reiseplan berichtete, war diese die mit am meisten Freude erwartete. Allepey liegt direkt an der Kumarakom Region, auch bekannt als die Backwaters -> eine verzweigte, unberührte, naturparadiesische Flusslandschaft die durch einige Seen und Lagoonen führt und die an den Ufern mit Palmen und dahinter liegenden Reisfeldern gesäumt ist. Auf unserem Hausboot aßen wir am Freitag, nach unserer Ankunft, zu Mittag. Und das Essen war ein überraschend herausragend gut schmeckendes Erlebnis. Denn auf dem Boot waren 2 Bootsleute zu finden, bei welchen einer der Steuermann war, und der andere der Koch; und dieser Koch schaute nicht gerade wie ein Gourmet Koch aus, eher wie ein Reisfeldarbeiter. In unendliche Höhen waren die Erwartungen an das Essen daher nicht geschraubt. Doch sogleich nach dem ersten Bissen war jeder Zweifel wie weggeblasen und nur noch dieses wunderbare Zusammenspiel aus ausgesuchten, herrlichen Gewürzen und perfekter, traditioneller Zubereitung zu schmecken. Noch lange werde ich an dieses Essen (welches sich zu Abend in fast noch übertreffenderer Zubereitung wiederholte) in so unbeschreiblicher Umgebung zurückdenken. Doch natürlich nicht nur der Gedanke an das Essen wird mir in Zukunft so manch nostalgischen Seufzer entziehen, auch einfach die Fahrt durch diese wunderschöne Region, in der man auf dem Gewässer so manche Transport- und Fischerkanus und an den Ufern Meeresfruchtgeschäfte, wie auch kleine Häuschen von Einheimischen besichtigen konnte. An einem solchen Meeresgeschäft machten wir auch Halt, da auf Anfrage der Bootsleute hin mein Vater Shrimps besorgen wollte. Ich habe Shrimps eigentlich immer abgelehnt, aber so herrlich gewürzt und geröstet zubereitet, wie ich sie zu jenem Abendessen vorfand, so würde ich sie wohl jeder Zeit mit Freuden wieder essen. Vor dem Abendessen hatten wir, kurz vor Einbruch der Dämmerung, an einer stillen, von jeglicher Zivilisation entfernten, naturparadiesischen Stelle angelegt, um die Nacht dort zu verbringen. Mein Vater, meine Schwester und ich gingen, nachdem wir angelegt hatten, in dem herrlich warmen Gewässer schwimmen. Nun fällt mir gerade ein, dass ich es bis jetzt verabsäumt habe, unser Hausboot zu beschreiben, daher jetzt eine schnelle Zusammenfassung: Unser Hausboot war im vorderen, überdachten, frei luftigen Bereich mit dem Esstisch, Sesseln, gemütlichen Bänken und einem Sofa ausgestattet, im mittleren Teil des Bootes befanden sich die beiden sehr komfortabel eingerichteten, vor Moskitos perfekt abgedichteten und Klimaanlagen beinhaltenden Schlafräumlichkeiten mit dazugehörigen Badezimmern, und im hintersten Teil war die Küche zu finden. Doch damit nicht genug, gab es sogar noch einen weiteren, überdachten, frei luftigen Bereich im zweiten Stock zu finden, welcher mit gemütlichen Möbeln ausgestattet war um die umliegende Natur noch besser, entspannter betrachten und in sich aufsaugen zu können. Nach dem Abendessen setzten wir uns zu traditioneller indischer Musik, einer Kerze und einer Flasche Wein in den zweiten Stock und unterhielten uns. Das Sternenzelt war, wenn man sich ein wenig über das Geländer beugte, sehr klar zu betrachten und neben der Musik war nur das Zirpen der Grillen und ein gelegentliches Platschen im Wasser zu vernehmen. Als wir uns am nächsten Morgen, nach einem sehr guten und sättigenden Frühstück wieder zurück zur Anlegestelle in Allepey machten, fiel es uns sogar noch schwerer, als wie in Munnar, Lebewohl zu sagen. Wahrscheinlich hing das aber auch damit zusammen, das wir auf dem Hausboot nur eine einzige Nacht verbrachten.

Schwermütig machten wir uns auf den Weg zurück nach Kochi, wo wir uns am Flughafen von unserem Fahrer verabschiedeten und zum Gandhi Flughafen nach Hyderabad flogen. Auf diesem Flughafen in Hyderabad trennten wir uns schweren Herzens wieder voneinander, denn ich musste, nachdem wir noch einige Stunden auf dem Flughafengelände verbrachten, zurück nach Vijayawada mit dem Zug fahren -welchen ich übrigens um ein Haar verpasst hätte- und sie flogen in der Nacht zurück nach Österreich. Tja, und so endete unser Urlaub wieder. Ich denke, dass ich mich sehr gut erholt habe und bin sehr dankbar, diese wunderschöne Zeit mit meiner Familie in Kerala verbracht zu haben. Das war gewiss nicht mein letzter Besuch auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde gewesen. Hm... wenn man über eine so schöne Zeit so viel schreibt und erzählt und beschreibt, dann keimen gewisse nostalgische Gefühle in einem auf, und können ganz schwermütig machen… zumindest fühle ich mich gerade so. Aber ich bin froh wieder in Vijayawada und bei meiner Arbeit sein zu dürfen. Noch schwerer, als sich vom Urlaub zu trennen, wäre es mir wohl gefallen, mich von Indien zu trennen. Das wird in ca. 5 ½ Monaten auch wieder eine ganz eigene Herausforderung.

Nun, wieder einmal habe ich mich selbst übertroffen, was die Länge meines Berichts angeht. Und für die paar Lesenden, die sich bis hierher durchgeschlagen haben, habe ich, falls sie das noch schaffen, ein ganz kurzes Update über die aktuelle Vimukti Situation, die ich letzte Woche, nach meiner Rückkehr dorthin, erhalten habe:
Für kurze Zeit waren es in Vimukti letzte Woche tatsächlich 22 zu betreuende Burschen, da speziell in der letzten Woche einige Neue nach Vimukti gebracht wurden. Am Donnerstag jedoch verabschiedeten sich ca. 10 Burschen von uns, da sie, nach vielem Aufschieben und langem Warten, nun endgültig in ein Ausbildungszentrum vermittelt werden konnten. Ich war froh und gleichzeitig betrübt darüber, da ein paar von den Burschen, die da nun endlich vermittelt wurden, mir mittlerweile doch sehr ans Herz gewachsen waren, und ich sie zudem nun schon seit Anfang Dezember kannte. Kommende Woche sollen wieder eine Handvoll Burschen zu anderen Teilprojekten weiter vermittelt werden – gleichzeitig werden aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auch wieder neue Burschen nach Vimukti kommen. Und alles in allem wird es wohl so enden, dass nächste Woche kein vertrautes Gesicht mehr in Vimukti vorzufinden sein wird. Und das bedeutet auch eine völlig neue Unterrichtssituation. Ich bin ja gespannt! :P

So, nun finde ich allerdings endgültig zu einem Ende. Danke an jeden treuen Leser der sich die Zeit für all den Text hier genommen hat! Und ohne weitere viel Umschweife wünsche ich euch noch ein schönes Wochenende!

Liebe Grüße aus Hindustan

Konstantin

Ps.: Natürlich wurden noch viel mehr Fotos von unserem Urlaub in Kerala geschossen, einige werde ich nächstes oder übernächstes Wochenende oder so nachträglich noch hochstellen

Samstag, 25. Februar 2012

Halbzeit! Der Countdown läuft...


Sonntag, 26. Februar. Mein letzter Blogeintrag im Monat Februar, und auch der letzte Blogeintrag über meine Zeit in meiner ersten Einsatzhälfte. Ende Februar bedeutet für meinen 1 jährigen Indien Einsatz Halbzeit! Und dazu passend werde ich kommenden Mittwoch auch in die langersehnte Halbzeitpause gehen, auf Urlaub mit meinen Eltern und meiner Schwester. 6 Monate bin ich nun schon in Indien. 6 weitere liegen noch vor mir. Wie manchen von euch vielleicht aufgefallen ist, blieb ein neuer Blogeintrag -nicht wie sonst so üblich-, letzten Sonntag aus. Als Grund für diesen Fauxpas, kristallisiert sich heraus, dass ich die ganze vorletzte Woche mit einer bakteriellen Infektion im Darm außer Gefecht gesetzt war, und wegen dieser auch nicht über die, in meinem letzten Blogeintrag von vor 2 Wochen, angekündigte Hochzeit der Tochter unseres Lassi Mannes berichten konnte; da ich anstatt sie zu besuchen meine Zeit damit verbrachte, mich in meinem Bett in der Volontärs Unterkunft, ständig hin und her wälzend, den Bauch zu halten. Die ganze Woche also musste ich in Folge pausieren und blieb in Vijayawada, aß nur Früchte, Joghurt und gelegentlich ein wenig Toastbrot. Mit dem Verlauf der Woche ging es mir allerdings zunehmend besser. An der Stelle sei gesagt, dass ich nicht ausschließe, dass der körperliche Zustand in dem ich mich in dieser Woche befand, auch mit seelischen Gründen zusammenhing. Die letzten Wochen in Vimukti waren einfach sehr intensiv und aufreibend, und nachdem ich zudem seit meiner Ankunft in Indien ohne Unterlass arbeite -wenn ich nicht gerade krank bin-, fühle ich mich in der letzten Zeit zunehmend erschöpft und energielos. Meine Arbeit macht mir nach wie vor Spaß, aber ich brauche wohl einfach mal ein bisschen Ruhe und Abstand von meinem verrückten Burschenhaufen in Vimukti. Umso sehnsuchtsvoller blicke ich dem, in 3 Tagen beginnenden, 1 ½ wöchigen Urlaub mit meiner Familie entgegen. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt, was es über die vorletzte Woche zu erzählen gibt. Nun zu meiner letzten Woche.

Meine Woche in Vimukti fing einmal wieder damit an, dass ich zu hören bekam, einer der Burschen, Siva Kumar, sei abgehaut. Weiters waren am Samstag vor einer Woche 2 neue Burschen ins Camp dazu gestoßen. Die Stimmung im Camp ist eigentlich unverändert; also einer eher lethargischen, schwermütigen Natur. Die 2 Neuzugänge machten für mich letzte Woche ebenfalls einen, den meisten anderen Burschen gleichend, schwierigen, missmutigen Eindruck. Obwohl ich mit den beiden einen eigentlich ganz guten Start hatte. Als ich im Camp ankam setzte ich mich einmal zu ihnen hin, fragte nach ihren Namen, wie es ihnen ginge usw. - wie es sich halt gehört. In einer späteren Gruppenbesprechung meinten sie, ich sei der Erste gewesen, der sie nach ihren Namen, ihrem Befinden usw. gefragt hätte. Aus dem Grund waren sie mir gegenüber auch in Folge, zumindest an diesem Tag, aufgeschlossener und entgegenkommend. Die anderen Burschen zeigten jedenfalls von Anfang an Null Interesse an ihnen.  Das hatte jedoch nichts mit ihnen persönlich zu tun. Es ist wohl recht offensichtlich, dass die 2 in einer schwierigen Phase des Camps dazu gestoßen sind. Die meisten Burschen wirken nicht gerade glücklich und sind hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Das macht es für die Neuzugänge natürlich nicht leicht, da an so etwas wie Gruppenintegration der Neuzugänge keiner von den Burschen einen Gedanken verschwendet. So etwas wie eine zusammenhaltende Gruppe existiert eigentlich ohnehin nicht wirklich. Als Folge dessen versuchten die beiden Neuen jedenfalls, am darauffolgenden Tag gleich einmal abzuhauen. Zusammen mit 6 anderen Burschen. Meine Aufgabe während dieses Massenausbruchs am Dienstagvormittag war es, auf die verbliebenen Burschen aufzupassen. Wir setzten uns alle zusammen in einen Raum und ich besorgte ein paar Zeichenunterlagen, woraufhin der restliche Vormittag mit Zeichnen verbracht wurde. Die übrigen Mitarbeiter versuchten die Burschen einzufangen, und bis auf Prasad und Anil konnten zum Glück auch alle zurück ins Camp gebracht werden. Prasad und Anil scheinen allerdings endgültig weg zu sein. Am Nachmittag desselben Tages kam übrigens Konrad, der Volontär mit dem ich zusammen in Vimukti arbeite, von seinem Urlaub auf den Andananen zurück. Am nächsten Tag, Mittwoch, fand, so wie schon am Tag davor, wieder keine Englisch Class statt. Diesmal jedoch nicht deshalb, weil wieder Burschen abgehauen waren, sondern weil an diesem Tag eine Psychologin nach Vimukti gekommen war und den ganzen Vormittag bzw. auch fast den ganzen Nachmittag für ihre ‚Life Skill Class‘ in Anspruch nahm. Auch am Donnerstag gab sie diesen, was als Folge ebenfalls wieder den Ausfall der Englisch Class nach sich zog. Was genau die Burschen in dieser ‚Life Skill Class‘ gelernt haben, kann ich nicht sagen, da nur auf Telugu gesprochen wurde. Aber soweit ich es mitbekommen habe waren unter anderem Gruppenspiele Teil des Programms, die den Zusammenhalt fördern sollen. Am Mittwoch bekamen wir übrigens wieder einen Neuzugang. Kein minder schwieriger Fall als die beiden zuvor eingetroffenen Neuzugänge. Ich würde sogar sagen, dass dieser zu der ganz besonders schwierigen, aufmerksamkeitssuchenden, verhaltensgestörten und an Minderwertigkeitskomplexen leidenden Sorte gehört. Irgendwie stellvertretend für die meisten Vimukti Burschen. Aber was will man erwarten? Die Burschen kommen nun schon seit ein paar Wochen direkt von der Straße her, haben vielleicht ein paar Stunden zuvor gerade erst jemanden ausgeraubt um sich ihre Drogen beschaffen zu können bzw. stehen teilweise noch, wenn sie in Vimukti eintreffen, unter Drogeneinfluss. Ich arbeite an mir, mich mehr und mehr in ihre Situation einfühlen und sie verstehen zu können. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Mit der richtigen Perspektive fällt die Arbeit gleich viel leichter, da man beginnt zu verstehen, was die Betreuung von solch schwierigen Fällen eigentlich bedeutet und wie unangebracht es daher ist, ihnen ihr Verhalten übel zu nehmen. Aber ich muss dazu auch erwähnen, dass es die Burschen manchmal echt bis auf die Spitze treiben mit ihrem respektlosen Verhalten, und dann gelingt es mir nicht immer, meine Arbeit aus der Perspektive eines 100% verständnisvollen Menschen zu betrachten.
Am Donnerstag fuhren Konrad und ich in die nächstgelegene Stadt Nuzvid, um ein paar Süßigkeiten als Abschiedsgeschenk für 7 Burschen zu besorgen, da diese am selben Tag noch Vimukti verlassen und mit ihrer Ausbildung in einer der Ausbildungszentren von Navajeevan beginnen sollten. Sollten. Außerdem hatte ich letztes Wochenende Mappen besorgt, um in diesen ihre Arbeitsblätter und Zeichnungen von der Englisch Class und der Drawing Class einzusortieren und ihnen dann mitzugeben. Jedenfalls stellte sich noch am selben Tag heraus, dass die Burschen doch erst in 10 Tagen mit ihrer Ausbildung beginnen werden. Natürlich wurde uns das erst gesagt, nachdem wir die Süßigkeiten schon besorgt hatten. Aus dem Grund bekamen sie unser Abschiedsgeschenk einfach schon am Freitag, da die Sachen nicht 10 Tage lang gehalten hätten (es waren u.a. Bananen usw. dabei). Sie haben sich trotzdem gefreut.
Bei 4 von den Burschen die mit einer Lehre anfangen werden, also Sharef, Sai, Rahul und Vamsi, sehe ich wirklich gute Chancen, dass sie die Ausbildung packen werden. Bei Mastan, Mahesh und Ramesh bin ich jedoch nicht ganz so sicher, da diese meinten, nicht wirklich Lust auf Ausbildung bzw. Arbeit zu haben. Genauso aber haben sie auch keine Lust, in Vimukti zu bleiben. Das Einzige was ihnen in den Sinn zu scheinen kommt, ist in der Luft herumzuhängen, bzw. in Mastans Fall, fernzuschauen. Das ist, wie Mastan sagt, nämlich seine große Leidenschaft, und was er auch wirklich gerne den ganzen Tag lang machen würde. So als Lebensunterhalt versteht sich. Mastan, Ramesh und Mahesh sind ein bisschen stellvertretend für die meisten Burschen im aktuellen Camp. Wenn man sie nicht gerade zu Aktivitäten treibt bzw. sie unterhält, hängen sie einfach in der Luft herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Meist aber hängen sie auch dann in der Luft herum, wenn man versucht sie zu unterhalten. Einzige Ausnahme ist natürlich Cricket. Bei der Aktivität sind sie voller Eifer dabei. Doch es ist halt auch ein bisschen zermürbend, wenn man wirklich jeden Tag nur Cricket spielt und die Burschen auf was anderes einfach keine Lust haben. Meine Football Class habe ich aus dem Grund mittlerweile auch aufgegeben, da niemand mehr Interesse an ihr gezeigt hat. Mein einzig treuer Football Class Besucher, der Sohn vom Gärtner -Ginnar Vamsi (Ginnar = kleiner)-, kann meine Class auch nicht mehr besuchen kommen, da er mittlerweile ein Internat besucht. Ich bin also wohl gezwungen darauf zu warten, dass bald mal wieder ein paar Burschen zum Camp dazu stoßen, die auch Interesse daran haben, etwas Neues zu lernen bzw. auszuprobieren. Stichwort Neuzugänge. Donnerstagabend stieß wieder ein neuer Bursche zum Camp dazu. Siva sein Name (von den Neuzugängen dieser Woche ist dieser einzige Name den ich mir gemerkt habe, da die anderen ziemlich kompliziert sind und wohl einfach noch ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen werden um gemerkt zu werden). Ich hatte noch nicht wirklich viel Zeit, mir ein Bild von ihm zu machen. Soweit ich es in der kurzen Zeit bis Freitag mitbekommen habe, schien er halbwegs gut Englisch sprechen zu können, gleichzeitig aber auch eindeutig an einem Aufmerksamkeitsdefizit zu leiden und so wie die anderen Neuzugänge auch, ebenfalls in seinen sozialen Kompetenzen stark begrenzt zu sein. Mehr werde ich wohl noch die kommenden 3 Tage über ihn in Erfahrung bringen.
Kommen wir aber nochmal zurück zum Thema  -Lustlosigkeit- meiner Burschen. Natürlich hängen jetzt auch nicht alle immer nur in der Luft herum. Immerhin fruchteten unsere Bemühungen, die Burschen bei ihrer Neuorientierung zu unterstützen, bei den bereits erwähnten Burschen Sharef, Sai, Rahul und Vamsi. Wobei Rahul eigentlich auch noch ein kleines Fragezeichen über sich stehen hat. Aber trotzdem. Immerhin. Ich hoffe sehr, dass sich ein paar von den anderen Burschen früher oder später auch noch fangen werden. Auch wenn es für mich oft eine zermürbende und aufreibende Aufgabe ist, bin ich dennoch froh, den Burschen bei ihrer Neuorientierung helfen zu dürfen. Die Arbeit fühlt sich einfach richtig an, auch wenn sie manchmal totale Überforderung bedeutet und an die Substanz geht. Und es zeigt sich auch, dass Burschen im pubertierenden Alter viel gezielter provozieren bzw. auf die Nerven gehen können. Klar ist jedenfalls, dass mit dem Abgang von Sharef, Sai und Vamsi, in Vimukti einiges anstrengender werden wird. Denn auf die 3 war einfach Verlass und halfen auch mit, dass alles halbwegs geordnet abläuft und nicht im Chaos versinkt. Jetzt besteht der Burschenhaufen in Vimukti wirklich nur noch aus Chaoten. Auf die nächsten Wochen bin ich ja schon gespannt. Aber jetzt heißt es ab Mittwoch erst mal Urlaub, bevor der Wahnsinn wieder anfängt.
Abschließend noch eine kurze Zusammenfassung über Samstag. An diesem Tag sind wir Volontäre mit Father Arogia, dem Volontärsverantwortlichen Anand und ein paar College Boys an den indischen Ozean gefahren. Nach ein paar Stunden in der Sonne liegen, mit dem Frisbee hin und her schießen bzw. im herrlich warmen Wasser schwimmen, aßen wir zu Mittag. Danach fuhren wir noch zu einem Vogelbesichtigungspark und anschließend zurück nach Vijayawada. Ein netter Ausflug ohne besondere Vorkommnisse. So kann es eben von Zeit zu Zeit auch laufen in Indien. Einzig weniger erfreuliches Ereignis war vielleicht das Auftauchen von einigen Quallen beim Schwimmen im Ozean. 2 Volontäre wurden gestochen, jedoch war es glücklicherweise nicht weiter schlimm.

So das wars auch schon. Ich muss heute noch für den bevorstehenden Besuch meiner Familie ein paar Sachen erledigen bzw. in der Stadt einkaufen gehen. Bin zugegeben schon sehr aufgeregt. Schließlich hat man nicht alle Tage so ein großes Familienwiedersehen irgendwo in Südasien. Möglicherweise zieht der Urlaub mit meiner Familie das Auslassen des nächsten Blogeintrages nach sich – sollte dem so sein folgt in 2 Wochen auf jeden Fall eine umso detailreichere Urlaubszusammenfassung.

Liebe Grüße aus dem noch immer von Gelsen gebeutelten, brennend heißen Vijayawada

Konsti

Samstag, 11. Februar 2012

Der Handyladen des Wahnsinns



Wieder ein neuer Blogeintrag, und tatsächlich haben wir heute nicht, wie sonst üblich, Sonntag, sondern Samstag. Samstag, den 11. Februar. Diesem Wechsel des Blogveröffentlichungsdatums geht kein willkürlicher Sinneswandel voran, sondern viel mehr die Tatsache, dass ich morgen nicht dazu kommen werde, einen Blogeintrag zu schreiben. Warum? Weil morgen, wie in einem meiner vorhergehenden Blogeinträgen bereits erwähnt, eine Hochzeit stattfindet, zu der wir Volontäre eingeladen wurden. Heiraten wird die Tochter unseres geliebten Lassi Mannes, Uncle Pivy, der seine Lassis (ein beliebtes, süßes Milchgetränk) direkt neben unserer Volontärs Unterkunft verkauft und mit dem jedes Wochenende ein kleiner Plausch über die vorangegangene Woche, das Wetter, usw. gehalten wird. Wenn er mich gerade an seinem Stand vorbeigehen sieht und gerade Lust auf ein wenig Konversation verspürt (was eigentlich immer der Fall ist), dann ruft er mich übrigens unterhaltsamer Weise immer mit ‚Emperor‘ zu sich - da Konstantin auch ein römischer Kaiser war. Ich denke die Tatsache, dass er wusste, dass Konstantin auch ein römischer Kaiser war, und dass man sich mit ihm perfekt auf Englisch unterhalten kann, spricht für die Bildung dieses Mannes (was in Indien alles andere als eine selbstverständliche Sache ist). Er hat mir auch erzählt, dass er studiert hat. Für manch einen stellt sich nun vielleicht die Frage, wieso ein, für indische Verhältnisse, derart gebildeter Mann, in einem kleinen Milchladen arbeitet aus dem ein Baum wächst. Leider kann ich mit einer Antwort zu dieser Frage nicht dienen. Ich habe Ihn deshalb noch nicht gefragt, weil ich dachte, das Thema könnte ihm unangenehm sein. Vielleicht ist es auch besser, diesen Punkt einfach im Raum stehen zu lassen. Jedenfalls treffen wir uns morgen um 7 Uhr in der Früh mit ihm vor seinem Stand, und fahren dann im Auto zur Hochzeit. Wie die Hochzeit war, werde ich euch nächstes Wochenende berichten.
Der Laden unseres Lassi Mannes: Links das Ladenfenster, in der Mitte der Baum
Vor dem Laden -> hier sieht man den Baum aus dem Laden rauswachsen

Nun zu meiner letzten Woche. Auch diese Woche fuhr ich wieder verspätet in mein Projekt. Diesmal aufgrund der Abschiedsfeier von Birgit, die Dienstagabend stattfand. Übrigens besuchte uns von Dienstag auf Mittwoch Martina, eine ehemalige Volontärin von Jugend eine Welt, die ihren Volontariatseinsatz in Vishakhapatnam -eine Stadt, die mit dem Zug etwa 8 Stunden von Vijayawada entfernt ist- hatte, und die das letzte halbe Jahr in Nepal studiert hat. Martina unterstützte uns Indien-Volontäre auch damals bei der Vorbereitung in Österreich. Mit ihr und der neuen Volontärin aus der Schweiz, Dominique, fuhr ich Mittwochvormittag jedenfalls dann los in mein Projekt Vimukti, da beide Interesse daran geäußert hatten, es zu sehen. Konrad kam nicht mit, da er am selben Tag auf Urlaub fuhr – aus diesem Grund werde ich übrigens auch nächste Woche noch allein sein. Nach einem sehr netten Tag kehrten sie am Abend wieder zurück nach Vijayawada.
Ich erfuhr am selben Tag auch, dass einer der Burschen, Krishna, vor ein paar Tagen weggelaufen ist. Nach einem völlig chaotischen Jänner, in dem wöchentlich etwa 3-4 Burschen weggelaufen sind, war die Nachricht jetzt keine Riesen Überraschung; jedoch hatte ich Krishna mittlerweile eigentlich eher zu den Burschen, die zunehmend Rehabilitationsfortschritte machen, eingeordnet. Doch so wurde ich eben einmal wieder eines Besseren belehrt.
Am nächsten Tag, Donnerstag, spielte sich am Abend eine ziemlich ernste und hektische Szene ab. Einer der Burschen, Ivu, dem es körperlich schon länger nicht so gut ging und der auch hohes Fieber hatte, begann, plötzlich und wie aus dem Nichts, Blut zu spucken. Er meinte, dass ihm sein Magen schrecklich wehtun würde. Und speziell in solchen Situationen, wünscht man sich einfach nicht in Indien zu sein, denn Inder verhalten sich in kritischen Momenten einfach total unangebracht und ungeschickt. Nun, ich bin auch kein ausgebildeter Sanitäter, aber mir war zumindest klar, dass man ihn auf schnellstem Wege ins Krankenhaus bringen sollte. Doch zuvor musste einer der Mitarbeiter, der Ivu mit dem Motorrad hinbringen sollte, die Burschen noch zusammenschimpfen weil sie wieder wegen irgendwas Mist gebaut haben. Das hatte in dem Moment natürlich eine höhere Priorität. Ich wischte ihm in der Zwischenzeit mit einem nassen Schwamm das Blut, das um seinen Mund herum klebte, ab und befeuchtete auch ein wenig seine glühende Stirn. Natürlich mussten dann die ganzen Burschen zu uns herstürmen um Ivu anzustarren; bzw. steckte Mastan, der sich in solchen Situationen immer als ein ganz besonderer Spezialist entpuppt, dem armen Kerl sogar noch einen Finger in den Mund. Nach dieser Aktion scheuchte ich mal, mittlerweile ziemlich verärgert, die Burschen von Ivu weg, und nach ein paar weiteren Minuten des Wartens fuhren wir endlich mit dem Motorrad ins „Unfallkrankenhaus“. Das „Unfallkrankenhaus“ war eine kleine Lehmhütte in der sich etwa 40 Leute um den überforderten Arzt herumtummelten. Nach langem Warten kamen wir endlich dran, Ivu wurde untersucht und bekam ein paar Medikamente. Ihm ging es zwar nach dem Krankenhausbesuch nicht sehr viel besser, jedoch keuchte er wenigstens nicht mehr. Ich war nach dem Besuch jedenfalls ziemlich entnervt und heilfroh, als wir endlich in Vimukti ankamen. Mittlerweile geht es Ivu zum Glück schon besser, was er aber genau hatte, konnte mir leider niemand begreiflich erklären.
Am Freitag musste ich am Morgen zunächst mal wieder Sanitäter spielen, da sich Prasad am Fuß eine Schnittwunde zugezogen hatte, und ich der Einzige in Vimukti mit Verbandszeug, Desinfektionsmittel usw. bin. Nach dem Frühstück fuhren wir mit allen Burschen ins Krankenhaus, wo sie mal durchgecheckt wurden. Meiner Meinung nach hätten wir das zwar schon viel früher machen sollen, aber ich bin froh, dass es wenigstens jetzt geschehen ist.

Am selben Tag noch fuhr ich, als ich zurück in Vijayawada war, einmal wieder zu meinem Handyladen, da ich in diesem Laden seit Ende Dezember versuche, mein Handy wieder zum Laufen zu bringen. Ende Dezember fand in Vimukti nämlich eine Steckdosenexplosion statt, bei der mein Handyladegerät wie auch mein Handy kaputt gingen. Seit diesem Vorkommnis fuhr ich jedes Wochenende regelmäßig zu diesem Handyladen, da es jedes Wochenende aufs Neue hieß, dass das Problem -spätestens- das darauffolgende Wochenende behoben sei. Zunächst stellte man mir den Befund, dass das Handy völlig in Ordnung sei, und dass es nur am Handyladegerät liege. Also kaufte ich mir ein neues Ladegerät. Natürlich funktionierte das nach einmaligem Verwenden nicht mehr, also musste ich mir wieder ein Neues kaufen. Bei dem dieselbe Geschichte. Schließlich wurde das Handy mal genauer untersucht; und siehe da, es stellte sich heraus, dass der Akku des Handys kaputt ist. Kurzfristig konnte das Problem, nach langem Herumgeschraube, behoben werden. Natürlich kostete auch das wieder was. Doch auch die Reparatur hielt nicht lange, und das darauffolgende Wochenende musste ich missmutigen Schrittes wieder zum Handyladen latschen. Schließlich schlug man mir vor, einen neuen Akku zu bestellen. Also ließ ich einen neuen Akku bestellen. Das war vor 3 Wochen. Von vielen Seiten wurde mir in der Zwischenzeit nun schon geraten, ich solle mir einfach ein neues Handy zulegen. Doch einerseits komme ich mit den bisherigen Bezahlungen noch immer billiger weg, als wenn ich mir ein neues Handy kaufen würde, und außerdem sind indische Handys, wie ich gehört habe, bedienungstechnisch ein einziges Martyrium. Daher entschloss ich mich, mich einfach in Geduld zu üben. Und nun, siehe da, seit meinem letzten Besuch gestern, habe ich wieder ein -mehr oder weniger-, -provisorisches- funktionierendes Handy! Aber nicht etwa deshalb, weil der Akku, den ich bestellt hatte, angekommen war. Tatsächlich erzählte mir der Handyverkäufer gestern, dass der Akku, den ich vor 3 Wochen bestellt habe, erst irgendwann im März ankommen würde… wenn überhaupt. Aber warum genau habe ich jetzt trotzdem wieder ein funktionierendes Handy? Nun, das liegt daran, dass mir einfach ein anderer Akku verkauft wurde. Dieser passt allerdings eigentlich nicht zum Handy; sprich, würde man das Handy mit einem normalen (!) Ladegerät aufladen, würde man angezeigt bekommen, dass der Akku nicht kompatibel zum Handy ist. Außerdem passt dieser Akku noch nicht mal in das Handy rein, da er zu klein ist. Lange Rede, kurzer Sinn: Dieser besagte Handy Akku, wurde schließlich mit Papier und Klebeband in dem Handy fixiert, so dass es darin auch hält; weiters wurde mir ein spezielles Multi Aufladegerät verkauft, bei dem ich, -wenn ich das Handy aufladen will- den Akku aus dem Handy nehmen, und ihn dann in das Multi Aufladegerät einsetzen muss. Ich muss zugeben, eigentlich auch nicht gerade unbedingt begeistert mit dieser Lösungsalternative gewesen zu sein, jedoch: Ich habe wieder ein Handy, mit dem man telefonieren kann… daher passt das jetzt schon. Vorläufig. Mal schauen, wie lange das hält.

So, leider muss ich wieder zu einem Ende finden. Ich muss jetzt in die Altstadt fahren und mir für die Hochzeit morgen eine Kurtha kaufen (das ist so ein typisch indisches, traditionelles Trachtgewand für Männer), außerdem noch den Unterricht für die Woche vorbereiten usw.
Ich wünsche euch noch einen schönen, winterlichen Februar, den ihr noch mit jede Menge Schifahren, Rodeln usw. ausnützen solltet. Zumindest würde ich das tun.

Alles Liebe aus Vijayawada

Konstantin

Samstag, 4. Februar 2012

Angriff der Killer Gelsen


Es ist Februar. Bei euch ist es seit ein, zwei Wochen sibirisch kalt geworden; in Indien hingegen wird es wieder zunehmend wärmer (auch wenn es nie kühl oder so gewesen ist, jedoch war es in den letzten Wochen etwas milder als sonst). In einem Monat beginnt schon der indische Sommer und dauert bis Mai an. Eine Jahreszeit, der ich, speziell in Indien, mit sehr viel Respekt entgegenblicke – auf bis zu 50 Grad kann der Temperaturmesser in dem Thermometer hochklettern. Ich sehe mich schon in meinem Zimmer in Vimukti auf dem Boden kauernd, den Ventilator anflehend, nach einem langen Tag ohne Strom, endlich wieder mit seinen für Erleichterung sorgenden Rotationsbewegungen anzufangen. Gleichzeitig freue ich mich aber auch schon auf den Sommer-> denn von März bis Mai haben wir Mango-Season! Und damit habe ich mit den 300 Mango Bäumen in meinem Teilprojekt Vimukti einfach den Jackpot gezogen. Ich blicke dieser Zeit also mit gemischten Gefühlen entgegen.
Aber ich beschäftige mich zur Zeit eigentlich nicht so sehr mit dem bevorstehenden Sommer; viel mehr verbringe ich meine Zeit damit, mit meinem aktuellen Alltagswahnsinn zurecht zu kommen. Zu diesem hat sich nun nämlich, zumindest wenn ich gerade in Vijayawada bin, eine Gelsenplage hinzugesellt, die vor ein paar Wochen dort ausgebrochen ist. Der Grund für die Gelseninvasion sind die verebbten Kanalarme, von denen ich euch bereits erzählt habe -> vor ein paar Wochen noch durch Vijayawada fließend, sind deren Zuführungen aus dem Krishna River mittlerweile geschlossen worden. Was auf Gutdeutsch heißt: Überall auf dem verebbten Flußbett sieht man -neben übel riechendem Müll- kleine Wassertümpel die als Gelsenbrutstätten einen neuen ‚Existenzzweck‘ gefunden haben.
Mit Einbruch der Dämmerung und in der Nacht wurde es in den letzten Wochen mit den Gelsen -bzw. Mosquitos (bei Gelsen wissen unsere deutschen Volontärskollegen unterhaltsamer Weise nicht wovon die Rede ist)- langsam aber sicher unaushaltbar. Mittlerweile aber lässt es sich -zumindest nachts- mit dem Gelsenwahnsinn leben, da wir uns ein paar Anti-Gelsen Räucherstäbchen besorgt haben, die es in Indien glücklicherweise überall zu kaufen gibt und die -im Gegensatz zum indischen Gelsenstecker- auch wirklich was bringen.

Nun, soviel zu meiner derzeitigen Gelsensituation. Über meine Woche in Vimukti gibt es diesmal -ausnahmsweise- eigentlich nicht wirklich etwas zu berichten, da ich erst am Donnerstag nach Vimukti gefahren bin. Am Montag und am Mittwoch musste ich unter anderem ein paar administrative Arbeiten in der Stadt erledigen, die mir zwar den letzten Nerv geraubt haben, von denen es jetzt aber nichts weiter zu erzählen gibt. Am Dienstag war der ‚Don Bosco Day‘, an welchem dem Jugendheiligen Don Bosco zu seinem Todestag gedacht wurde. Wir Volontäre begrüßten die Mitarbeiter, die zu diesem Anlass aus allen Teilprojekten in die Projekt- und Volontärszentrale Yuva Bhavan strömten, mit Blumen und hörten uns eine Telugu Rede über Don Bosco von Father Arogia an. Am Abend fand noch eine Messe statt mit einem anschließendem Festessen. Nun ja, also ereignistechnisch kann die Woche wohl nicht ganz mit der vorhergehenden mithalten. Jedoch ist es zumindest dieses Wochenende noch ein wenig abwechslungsreicher gewesen. Am Samstagabend feierten Barbara und ich mit den anderen Volontären und den Fathers im Yuva Bhavan unseren Geburtstag, welcher bei Barbara am selben Tag stattfand und bei mir 2 Tage zuvor stattgefunden hatte. Weiters gehen wir Volontäre zu diesem Anlass auch heute noch in das Restaurant ‚Flavours‘ essen. Ebenfalls erwähnenswert: diese Woche verlässt uns nach 1-jährigem Aufenthalt Birgit, eine Volontärin aus Österreich, die ebenfalls ihren Einsatz mit Jugend eine Welt gemacht hat. Am Dienstag findet das Abschlussessen statt.

Nun… mein Schreibdrang ist noch nicht ganz gestillt, und irgendwie liegt mir das folgende Thema auf der Seele; daher möchte ich jetzt noch kurz, zumindest versuchen, in Formen zu fassen, wie ich die Zeit seit meiner Ankunft in Indien erlebt habe.
Es ist ein etwas eigentümliches und schwer zu beschreibendes Gefühl, wenn ich jetzt nach 5 Monaten versuche, meinen Einsatz zu reflektieren und in Worte zu fassen. Wenn ich an die Zeit vor meinem Volontariat denke, welche mittlerweile nur noch als ziemlich verschwommen und wie eine halbe Ewigkeit zurückliegend in meinem Gedächtnis abrufbar ist, dann muss ich über die Art und Anzahl von Vorstellungen, die ich mir von meinem bevorstehenden Einsatz damals gemacht habe, schmunzeln. Mein Volontariat ist überhaupt nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber bei mir sind Dinge selten so, wie ich sie mir im Vorhinein, in unrealistischen und teilweise in Idealismus verloren gegangenen Gedankenzügen ausgemalt habe. Das heißt nicht, dass ich meinen Einsatz, in meinen Vorstellungen, als eine positivere Erfahrung erlebt habe. Nur als eine völlig andere. Wahrscheinlich aber geht es vielen Volontären so, bevor sie auf einen so langen Einsatz fahren, dass sie bereits eine Vorstellung, eine gewisse Erwartungshaltung von ihrem bevorstehenden Jahr in der Fremde haben. Es gibt aber auch die Volontäre, die schon Erfahrung in diesem Gebiet gesammelt haben und die mit einer ab- bzw. aufgeklärteren Einstellung diesem Jahr gegenübertreten. Bei mir war es mehr wie ein Sprung ins eiskalte Wasser. Zwar habe ich mich im Vorfeld mit Jugend eine Welt auf das Jahr vorbereitet, bzw. in meiner Kirche, der City Church, und bei dem sozialen Verein ‚Kiddy und Co.‘, im Bereich der Kinderbetreuung ein wenig Erfahrung gesammelt. Doch was so ein Jahr letzten Endes für einen bereithält, kann man erst wissen, wenn man es erlebt hat. Und genau dieser Gedanke hat mir damals des Öfteren den Magen umdrehen lassen. Diese Ungewissheit. Meine derzeitigen Erlebnisse und Erfahrungen lassen sich, wie bereits schon gesagt, schwer mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen beschreiben… wenn ich mir meinen Einsatz aber jetzt so hernehme, dann schießen mir spontan doch ein paar dazu passende Wörter in den Sinn, auch wenn diese niemals das ganze Ausmaß an Erlebnissen und Eindrücken decken können… dabei wären Extravaganz, Emotion, extreme Ungewohntheit, Intensität, Herausforderung, Gefühlschaos und unablässig einfallender Schwall an Eindrücken. Ich weiß nicht ganz, was ich mit dieser Gefühlsreflektion bezwecken will; was sich in mir seit ein paar Monaten nun schon bei all den Eindrücken abspielt, kann ich ohnehin kaum verständlich vermitteln. Einzig ausdrückbar ist vielleicht, dass mich meine Zeit hier mit einer Intensität und Inspiration beeinflusst, wie ich es vor meinem Einsatz in Österreich, niemals erlebt habe. Auch wenn ich die Zeit selbstverständlich nicht immer auf eine positive Art und Weise intensiv erlebe. An manchen Tagen spielt sich die Intensität der Erlebnisse und Eindrücke einzig auf einer überfordernden und an den Kräften zerrenden Ebene ab; meine Arbeit in Vimukti wurde bzw. wird an solchen Tagen als ein einziger, verbissener Kraftakt erlebt. Aber es gibt eben diese und jene Tage. Einzig unverändert, an so ziemlich jedem Tag, bleibt die hohe Intensität der einfallenden Eindrücke. Nun, ich möchte jetzt nicht länger auf diesem Thema herumreiten… es lag mir nur auf der Seele, diesem, in mir bereits seit Längerem, heranwachsenden Gedankenspiel, zumindest zum Teil, Ausdruck zu verleihen.

Abschließend möchte ich noch kurz auf einen Punkt eingehen, bei dem mich mein Vater gebeten hat, dass ich ihn noch ein wenig näher erläutere. Ich persönlich bin nicht auf die Idee gekommen, auf diesen Punkt einzugehen, da ich dachte, dass er eh klar wäre.
Jedenfalls, wie euch bereits aufgefallen ist, rede ich fast jede Woche immer nur von meinen -Burschen- in meinem Teilprojekt Vimukti. Jetzt haben sich ein paar von euch vielleicht die Frage gestellt, warum es nicht auch Mädchen in Vimukti gibt bzw. ob Navajeevan auch eigene Teilprojekte für Mädchen hat. Zunächst einmal: Vimukti soll eine Möglichkeit für die Burschen bieten, um den Kopf von allem frei zu kriegen und sich neu zu orientieren -> aus diesem Grund dürfen auch keine Mädchen nach Vimukti kommen, da diese für die teilweise stark pubertierenden Burschen mit recht hoher Wahrscheinlichkeit Ablenkung bedeuten würden. ABER: Das heißt nicht, dass es keine Mädchenprojekte gäbe! Im Kinderdorf Chiguru zum Beispiel, wurde erst unlängst das neue Mädchen – Cottage ‚Balika‘ eröffnet,  in welchem nur Mädchen betreut werden. Es gibt auch ein zweites, älteres Mädchen – Cottage in Chiguru. Weiters gibt es zudem ein eigenes Mädchen Ausbildungsprogramm, in welchem Mädchen unter anderem einen Computerkurs besuchen können. Das war jetzt nur ein schneller Auszug an Teilprojekten von Navajeevan, die sich auf Mädchen spezialisieren; es gibt noch weitere. Es gibt auch Heime, Bridge Schools, einen Kindergarten (bei diesem sind die Kleinkinder aber gemischt),... Falls sich also hierbei bei einigen von euch die Frage gestellt haben sollte, ob es denn auch speziell für Mädchen die von der Straße kommen, Angebote gibt, dann hoffe ich, dass diese hiermit geklärt wurde.

Soweit, so gut. Einmal wieder bin ich am Ende meines Eintrages angelangt. Zwar war der heutige einmal ausnahmsweise weniger actionmäßig als informativ, aber ich hoffe dennoch, dass sich der eine oder andere von diesem Text etwas mitnehmen konnte. Nun, bleibt mir nur noch, euch noch einen schönen Wochenendausklang und eine erfolgreiche Woche zu wünschen.

Liebe Grüße aus Indien

Konstantin